Vom Halten und Gehaltensein
Vier Wege der Liebe
von Markus Bodenmüller
Vom Halten und Gehaltensein – Vier Wege der Liebe
Wir alle tragen Fäden in uns – unsichtbare Linien, die uns mit anderen verbinden.
Manche sind gespannt, manche verknotet, manche kaum mehr fühlbar.
Dieses Buch erzählt von ihnen.
Es ist eine Reise durch vier Räume der Liebe –
das Festhalten (Feuer), das Fliehen (Wind), das Schwanken (Wasser) und das Vertrauen (Erde).
Jeder Raum beleuchtet eine Weise, wie Menschen sich binden:
aus Sehnsucht, aus Angst, aus Erinnerung, aus Mut.
Vom Halten und Gehaltensein verbindet Psychologie und Poesie, Körper und Seele.
Es spricht von Bindung nicht als Theorie, sondern als lebendige Erfahrung –
von der Bewegung, die in uns geschieht, wenn Nähe entsteht.
In vier poetischen Kapiteln verwebt das Buch Parabeln, Gedichte und stille Einsichten
zu einem inneren Kompass für Beziehung und Selbst.
Es lädt dazu ein, die eigenen Muster nicht zu bewerten,
sondern zu verstehen –
zu spüren, wo Angst entstand,
und wo Vertrauen wieder wachsen darf.
Denn vielleicht ist Liebe nichts, das wir lernen müssen –
sondern etwas, an das wir uns erinnern.
Zum Klang des Buches
Vom Halten und Gehaltensein spricht in einer ruhigen, atmenden Sprache.
Es ist kein Ratgeber, kein Fachbuch,
sondern ein Wegbegleiter –
für Menschen, die nicht nur verstehen, sondern fühlen wollen,
wie Bindung sich wandelt,
wenn sie wieder atmen darf.
Prolog – Das Haus der Fäden
Man sagt, jeder Mensch trägt ein unsichtbares Haus in sich.
Nicht aus Stein gebaut, sondern aus Erinnerung.
Seine Wände bestehen aus allem, was ihn je berührt hat –
ein Blick, eine Stimme, ein stilles Versprechen.
In manchen Nächten hört man dieses Haus atmen.
Dann klirren irgendwo die Fäden,
jene feinen, unsichtbaren Linien,
die Menschen mit Menschen verbinden.
Manche sind gespannt wie Saiten –
sie schwingen, wenn jemand sich entfernt.
Andere sind locker, fast gelöst,
und doch halten sie – wie ein Wind, der bleibt.
Wieder andere sind verknotet,
so fest, dass kein Atem mehr hindurchfindet.
In diesem Haus wohnt die Sehnsucht.
Sie sitzt dort wie eine Weberin
zwischen tausend Fäden –
sie flechtet, löst, verknüpft,
und manchmal ruht sie nur,
als lausche sie auf etwas, das größer ist als sie selbst.
Wer in dieses Haus tritt, hört vier Stimmen.
Sie rufen leise, manchmal zugleich,
manchmal gegeneinander.
Die eine sagt: „Bleib – sonst verschwinde ich.“
Die andere flüstert: „Geh – sonst verliere ich mich.“
Eine dritte ruft: „Ich weiß nicht, was sicher ist.“
Und eine vierte schweigt –
weil sie längst angekommen ist.
Es heißt, wer den Mut hat,
diese vier Stimmen zu hören,
ohne sie zu richten,
tritt durch vier Türen:
die Tür des Feuers,
die Tür des Windes,
die Tür des Wassers,
und die Tür der Erde.
Dahinter liegen vier Wege,
auf denen die Liebe sich selbst erkennt –
verloren, verwundet, verwandelnd.
Und vielleicht, wenn man still genug geht,
findet man am Ende keine neue Tür,
sondern ein Fenster,
durch das das Licht hereinfällt,
wie zum ersten Mal.
Kapitel I – Die, die zu fest hält
Die erste Tür ist warm.
Schon bevor sie sich öffnet, spürt man,
wie etwas dahinter atmet – unruhig, sehnsüchtig, hell.
Der Raum duftet nach Kindheit:
nach Milch und Schlaf, nach Händen,
die zu spät zurückkehren.
Hier wohnt die, die zu fest hält.
Ihre Finger sind zart,
doch sie haben gelernt, nicht loszulassen.
Denn jedes Loslassen fühlte sich an wie Fallen.
Sie kennt das Zittern der Abwesenheit.
Sie hat erfahren, wie Liebe plötzlich schweigen kann –
wie ein Blick zu lange ausbleibt,
wie ein Herz sich wendet,
und man nicht weiß, warum.
So wurde ihr Inneres ein Feuer,
das wärmen wollte,
aber zu oft verbrannte.
Manchmal glaubt sie,
wenn sie nur fest genug liebt,
bleibt der andere.
Doch Liebe, die klammert, wird schwer –
und was schwer wird,
beginnt zu sinken.
Ihr Nervensystem lauscht wie ein Tier in der Nacht:
auf Schritte, auf Zeichen,
auf das kleinste Zögern.
Sie kennt das Zittern zwischen Nähe und Verlust,
diesen inneren Alarm,
wenn jemand den Blick abwendet.
Sie braucht kein Drama – sie braucht Sicherheit.
Doch das, was sie sucht,
verwechselt sie oft mit Festhalten.
Parabel – Das Mädchen und die Flamme
Es war einmal ein Mädchen,
das eine kleine Flamme besaß.
Sie hatte sie in einer dunklen Zeit gefunden,
und seitdem hielt sie sie fest,
damit sie nicht erlösche.
Tag und Nacht trug sie die Flamme in den Händen.
Sie schützte sie vor Regen,
vor Wind,
vor jedem Schatten, der ihr zu nahe kam.
Doch die Flamme wurde schwächer.
„Vielleicht braucht sie mehr Luft“,
sagte ein alter Mann,
der sie beobachtete.
„Aber wenn ich sie loslasse,“ flüsterte sie,
„dann geht sie aus.“
„Vielleicht,“ sagte der Alte,
„geht sie aus, weil du sie festhältst.“
Das Mädchen schwieg.
Lange.
Dann öffnete sie die Hand.
Ein Moment des Schreckens –
ein Zittern, ein Flackern –
und die Flamme hob sich,
frei, leicht,
tanzte über ihre Finger hinweg
und brannte heller als je zuvor.
Sie verstand:
Manche Lichter leben nur,
wenn man sie nicht besitzt.
Gedicht – Halt mich sanft
Halt mich –
aber so,
dass ich atmen kann.
Sieh mich –
aber nicht,
um mich zu behalten.
Lass mich nah,
und bleib,
auch wenn du loslässt.
Denn Liebe,
die fassen will,
verliert.
Und Liebe,
die lauscht,
bleibt.
Wandlung
Die Angst, verlassen zu werden,
ist keine Schwäche –
sie ist das Echo einer frühen Trennung.
Ein Körper, der einst lernte,
dass Wärme plötzlich fehlt,
wird später danach greifen.
Doch Heilung beginnt,
wenn das Herz erfährt,
dass Nähe nicht erkämpft werden muss.
Wenn du beginnst, dich selbst zu halten –
mit derselben Inbrunst,
mit der du andere festhältst –
wandelt sich das Feuer.
Dann wird es zu Glut,
zu Wärme,
zu einem Licht,
das niemandem gehört,
aber allen schenkt, die bleiben wollen.
Erster Schritt:
Beginne damit, das Zittern nicht als Befehl,
sondern als Information zu sehen.
Wenn der innere Alarm ertönt,
weil der andere geht,
nimm die Hand von ihm weg.
Lege sie auf dein eigenes Herz.
Atme.
Erlaube dem Schmerz, da zu sein,
ohne dass eine sofortige Rettungsaktion folgt.
Das ist der Moment,
in dem das Festhalten zu dir zurückkehrt –
als Selbstfürsorge.
Nachklang
Vielleicht ist Loslassen
nichts anderes
als Vertrauen in das Unsichtbare,
das bleibt.
Kapitel II – Der, der nicht bleibt
Die zweite Tür ist kühl.
Wenn sie sich öffnet,
zieht ein leiser Wind hindurch.
Er riecht nach Weite, nach Ferne, nach Freiheit.
Hier wohnt der, der nicht bleibt.
Er liebt aus der Distanz –
nicht, weil er kein Herz hat,
sondern weil sein Herz gelernt hat,
dass Nähe gefährlich werden kann.
Er kennt das Gewicht von Erwartungen,
von Händen, die zu fest greifen,
von Blicken, die zu tief gehen.
Also hat er sich angewöhnt,
früh zu gehen,
noch bevor jemand merkt,
dass er da war.
In seiner Kindheit war Nähe oft laut.
Manchmal drang Liebe wie ein Sturm ins Zimmer,
fordernd, unberechenbar.
Manchmal war sie ganz still –
so still, dass sie kaum existierte.
Also lernte er,
den Rückzug als Schutz zu tragen.
Sein Nervensystem blieb wach –
aber auf Distanz.
Zu viel Nähe – Alarm.
Zu wenig – Leere.
Zwischen beidem die Fassade der Kontrolle.
Parabel – Der Mann und der Wind
Es war einmal ein Mann,
der den Wind liebte.
Er sagte, er brauche ihn –
wegen der Freiheit.
Er baute ein Haus auf einem Hügel,
mit Fenstern auf allen Seiten,
damit der Wind immer hindurchziehen konnte.
Eines Tages kam eine Frau.
Sie brachte Blumen,
stellte sie auf den Tisch,
und schloss ein Fenster,
weil ihr kalt war.
Der Mann lächelte höflich,
doch in ihm regte sich Unruhe.
Die Luft war anders,
schwerer, weicher.
Er hörte sein eigenes Herz zu laut schlagen.
„Ich muss kurz hinaus,“
sagte er.
Und der Wind,
der draußen wartete,
nahm ihn sanft bei der Hand
und führte ihn fort.
Später kehrte er zurück.
Immer wieder.
Doch jedes Mal,
wenn ein Fenster zufiel,
ging er hinaus,
um wieder atmen zu können.
Er wusste nicht,
dass er längst ein Teil des Windes geworden war –
frei, ja,
aber heimatlos.
Gedicht – Zwischen Nähe und Himmel
Ich liebe dich,
doch bleib ein Stück entfernt,
damit ich dich sehen kann.
Ich atme dich,
doch halte Luft zurück,
damit ich nicht verschwinde.
Ich will dich –
aber sanft,
wie man den Wind berührt:
mit offenen Händen.
Wandlung
Vermeidung ist kein Mangel an Liebe,
sondern eine Erinnerung an Enge.
Sie entsteht dort,
wo Nähe mit Druck verwechselt wurde.
Der Körper, der sich zu früh schützen musste,
trägt noch immer die Erinnerung an Bedrohung.
Sein Nervensystem ruft: Flieh! –
auch wenn längst niemand mehr schreit.
Heilung beginnt,
wenn Distanz nicht mehr Flucht ist,
sondern Wahl.
Wenn du lernst, im Raum zu bleiben,
trotz der Enge,
trotz des Drängens im Inneren,
und den Atem spürst –
wird der Körper langsam wissen:
Nähe kann sicher sein.
Erster Schritt:
Bleibe, wenn du gehen willst.
Nicht für den anderen,
sondern für dich.
Fühle das Ziehen,
die alte Unruhe.
Atme hindurch.
Nimm wahr, dass du bleiben kannst,
auch wenn dein Körper fliehen möchte.
So verwandelt sich der Wind in Luft –
nicht mehr stürmisch,
sondern tragend.
Nachklang
Vielleicht ist Freiheit
nicht das Gehen,
sondern das Bleiben,
ohne Erlaubnis zu brauchen.
Und vielleicht ist das Bitterste
an der Distanz,
dass sie niemanden schützt –
sie lässt nur beide
allein.
Kapitel III – Das Kind zwischen den Stühlen
Die dritte Tür flimmert.
Sie öffnet sich nicht leicht,
denn sie kennt kein klares Scharnier.
Sie steht halb offen, halb geschlossen –
wie ein Herz, das nicht weiß,
ob es vertrauen darf.
Hier wohnt das Kind zwischen den Stühlen.
Es hat gelernt,
dass Nähe und Gefahr denselben Geruch tragen können.
Manchmal kam Liebe mit sanfter Stimme,
manchmal mit plötzlichem Zorn.
Und manchmal blieb sie aus –
ohne Erklärung.
So wurde Bindung ein Rätsel:
Wer liebt, könnte verletzen.
Wer bleibt, könnte verschwinden.
Wer lacht, könnte morgen schreien.
Das Nervensystem dieses Kindes
kennt keine Sicherheit,
nur Reaktionen.
Es springt zwischen Feuer und Eis,
Suchen und Fliehen,
Hoffen und Erstarren.
Die Seele bleibt im Zwischenraum –
mit ausgestreckten Armen
und angehaltenem Atem.
Parabel – Der Garten der Schatten
Es war einmal ein Garten,
in dem das Licht niemals stillstand.
Mal war es hell wie Mittag,
mal dämmerig wie kurz vor Gewitter.
Die Pflanzen wuchsen schief,
denn sie wussten nicht,
wohin sie sich wenden sollten.
In der Mitte des Gartens
stand ein Kind.
Es hielt in jeder Hand eine Blume –
die eine liebte Sonne,
die andere Schatten.
Und das Kind drehte sich,
immer wieder,
von Licht zu Dunkel,
von Dunkel zu Licht.
„Warum ruhst du nicht?“
fragte der Wind.
„Weil ich nicht weiß,“
sagte das Kind,
„wohin ich gehöre.“
Der Wind schwieg.
Er legte sich sanft um das Kind,
nicht als Antwort,
sondern als Umarmung.
Da ließ das Kind die Blumen los –
und sah,
wie sie beide blühten,
nebeneinander,
unter einem Himmel,
der endlich still blieb.
Gedicht – Zwischen Hell und Dunkel
Ich habe gelernt,
dass Liebe flackert.
Ich habe gelernt,
mich zu ducken,
bevor der Schatten fällt.
Doch eines Tages
blieb das Licht.
Und ich –
blieb auch.
Wandlung
„Diese innere Zerrissenheit, dieses leise Chaos,
das oft als Desorganisation bezeichnet wird,
entsteht dort, wo Sicherheit und Angst sich mischen.
Wenn die, die dich trösten sollten,
manchmal auch die waren,
vor denen du dich schützen musstest.
Der Körper weiß dann nicht,
ob Nähe Rettung oder Gefahr ist.
Er springt zwischen Anziehung und Abwehr –
ein Tanz, der nie endet.
Heilung beginnt,
wenn du lernst, den Sprung zu bemerken,
ohne ihn sofort auszuführen.
Wenn du innehältst,
statt zu fliehen oder zu klammern.
Erster Schritt:
Wenn das Alte ruft – der Impuls,
zu rennen, zu greifen, zu erstarren –
bleib für einen Atemzug.
Spür den Boden unter dir.
Sag leise: Jetzt bin ich sicher.
Der Körper wird es erst zögernd glauben,
aber irgendwann –
wird er dir folgen.
Dann verwandelt sich das Chaos
in Bewegung,
die wieder tanzen darf.
Nachklang
Vielleicht ist Heilung
nicht das Ende des Schwankens,
sondern das Wissen,
dass du zwischen Hell und Dunkel
atmen kannst.
Kapitel IV – Die, die vertraut
Die vierte Tür ist schlicht.
Kein Prunk, kein Geheimnis.
Sie öffnet sich leicht,
als hätte sie schon lange darauf gewartet.
Der Raum dahinter ist still.
Nicht leer – still.
Man hört das Atmen der Erde,
dieses tiefe, kaum merkliche Pulsieren,
das alles trägt.
Hier wohnt die, die vertraut.
Sie weiß, dass Nähe nicht Gefahr bedeutet,
und Distanz kein Verlust sein muss.
Ihr Körper kennt den Rhythmus des Kommens und Gehens.
Er zieht sich nicht zusammen, wenn jemand geht,
und er brennt nicht, wenn jemand bleibt.
Sie hat gelernt,
dass Liebe ein Raum ist,
kein Vertrag.
Ein Atem,
kein Beweis.
Man sagt, sie sei sicher gebunden.
Doch in Wahrheit ist sie nur
gegenwärtig.
Parabel – Der Garten, der atmet
Es war einmal ein Garten,
der nicht mehr wachsen wollte.
Seine Erde war ausgelaugt,
seine Wurzeln müde vom Warten.
Eines Tages kam eine Frau.
Sie setzte sich einfach hin.
Sie grub nicht, sie schnitt nicht,
sie saß nur – und lauschte.
Tag für Tag kam sie wieder,
manchmal redete sie leise mit den Bäumen,
manchmal schwieg sie.
Nach einer Weile
begann der Boden zu duften.
Ein feiner Nebel stieg auf,
und in der Tiefe erwachte etwas.
Ein Samen,
der längst vergessen war.
Er trieb, langsam,
still,
wie Erinnerung,
die endlich glauben darf.
Gedicht – Wie Erde trägt
Ich falle,
und die Erde sagt:
Ich bin da.
Ich bleibe,
und sie schweigt –
weil Schweigen genügt.
Ich liebe,
und sie hält,
ohne zu fassen.
So ruht die Welt
in meinem Atem.
Wandlung
Sichere Bindung ist kein Zustand,
sondern ein Verhalten des Herzens.
Sie wächst dort,
wo Vertrauen nicht verlangt,
sondern erlebt wird.
Der Körper erkennt Sicherheit
nicht durch Worte,
sondern durch Wiederholung:
durch Atem, durch Blick,
durch das Erfahren,
dass Nähe bleibt.
Erster Schritt:
Übe, zu empfangen,
ohne zu prüfen.
Atme, wenn jemand dich ansieht.
Lass dich berühren,
ohne dich zu verlieren.
Spür, dass du gehalten bist –
nicht, weil jemand dich festhält,
sondern weil du
auf der Erde stehst.
Dann verwandelt sich Bindung
in Zugehörigkeit,
Nähe in Vertrauen,
und Liebe
in etwas, das ruht.
Nachklang
Vielleicht ist Vertrauen
nichts anderes
als das stille Wissen,
dass der Boden
auch unter Tränen
trägt.
Nachwort – Vom Erinnern des Körpers
Am Ende dieser vier Räume bleibt ein leises Echo.
Kein Wort, kein Gedanke – ein Puls.
Etwas, das im Körper weiterklingt.
Denn Bindung geschieht nicht im Kopf.
Sie lebt im Nervensystem, in den Muskeln, im Atem.
In den feinen Bewegungen, die wir kaum bemerken:
Wie schnell wir den Blick senken.
Wie fest wir die Schultern halten.
Wie tief wir einatmen, wenn jemand bleibt.
Der Körper erinnert,
was der Verstand vergessen will.
Er weiß, wann Liebe sicher war,
und wann sie wehgetan hat.
Er zieht sich zusammen, bevor Gefahr da ist,
weil er sie schon einmal kannte.
Und er öffnet sich nur zögernd,
selbst wenn die Welt längst freundlich ist.
Manche nennen es Trauma,
doch vielleicht ist es einfach
Liebe, die keinen Platz fand.
Ein Schutz, den die Seele baute,
als sie niemand hielt.
Der Körper trägt diesen Schutz wie ein stilles Erbe,
bis jemand kommt,
der sacht genug ist, zuzuhören.
Manchmal sind wir selbst dieser Jemand.
Wenn wir beginnen,
die Sprache des Körpers wieder zu verstehen –
nicht durch Analyse,
sondern durch Nähe.
Wenn wir spüren,
wie sich das Zittern beruhigt,
weil niemand mehr geht.
Vom Weitergeben und Verwandeln
Niemand beginnt bei Null.
In jedem von uns schwingt die Geschichte derer,
die vor uns geliebt und gefürchtet haben.
Manches, was wir Bindung nennen,
ist Erinnerung im Blut –
ein Erbe aus Zeiten,
in denen Liebe Überleben bedeutete.
Unsere Eltern gaben weiter,
was sie selbst empfangen konnten –
und auch das, was sie nie bekommen haben.
Nicht aus Absicht,
sondern aus Mangel an Wahl.
Doch in jedem Menschen,
der beginnt zu erkennen,
endet etwas Altes.
Die Hand, die heute den eigenen Herzschlag hält,
unterbricht eine Kette,
die Generationen lang
nach Sicherheit suchte.
Das ist, was Heilung wirklich bedeutet:
nicht Vergessen,
sondern Verwandeln.
Liebe als Bewegung
Vielleicht ist Liebe selbst der Weg,
auf dem das Leben sich erinnert,
was Vertrauen heißt.
Sie lernt durch uns –
durch das Festhalten,
das Loslassen,
das Zurückkehren.
Durch das Chaos und die Ruhe,
die Angst und das Staunen.
Bindung ist keine Schwäche,
sie ist die Schule des Erwachens.
In ihr übt die Seele,
was Hingabe bedeutet –
nicht als Opfer,
sondern als Mut,
offen zu bleiben.
Wenn wir alle vier Räume durchschreiten –
Feuer, Wind, Wasser und Erde –
merken wir vielleicht,
dass sie gar nicht getrennt sind.
Dass jede Nähe ein Spiegel ist,
jede Flucht eine Bitte,
jede Wunde ein Eingang.
Und am Ende,
wenn alles still wird,
spürt man es:
Der Körper ruht.
Das Herz atmet.
Und in diesem Atem
beginnt Liebe
von Neuem.
Epilog der Seele
Es gibt ein Schweigen,
das nicht leer ist –
sondern voll.
Voll von allem,
was wir nicht mehr halten müssen.
Die Stimmen,
die uns einst formten,
werden leiser.
Und in ihrem Nachklang
wird hörbar,
was immer schon da war:
Ein Herz,
das nie aufgehört hat,
zu warten.
Vielleicht ist das die wahre Heimkehr –
nicht das Finden,
sondern das Wiedererkennen.
Dass wir nie getrennt waren.
Nie verloren.
Nur auf dem Weg,
uns selbst zu berühren.
Und wenn wir ganz still werden,
spüren wir,
dass Liebe kein Ziel hat.
Sie ist der Atem,
der uns trägt –
hin und zurück,
immerfort.
Über den Autor
Markus Bodenmüller wurde 1978 im Süden Deutschlands geboren.
Nach einer handwerklichen Ausbildung als Schreiner arbeitete er zunächst als Polizist, studierte und wurde Polizeikommissar,
später studierte er Psychologie, beschäftigte sich mit Körperarbeit, Atem und Bewusstsein.
Über viele Jahre sammelte er Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen –
zwischen Handwerk und Kunst, Ordnung und Freiheit, Körper und Geist.
Das Schreiben kam leise – erst als Notiz, dann als Weg.
Es wurde zur Sprache einer inneren Bewegung,
zum Versuch, Erlebtes zu verstehen,
und Unsagbares in Form zu bringen.
Heute verbindet Markus Beobachtung und Poesie, Denken und Fühlen,
und schreibt über die feinen Linien zwischen Mensch und Seele.
Seine Texte sind keine Flucht aus der Welt,
sondern eine Einladung, sie tiefer zu sehen.
Er glaubt, dass Worte erinnern können –
an das, was wir längst wissen,
wenn wir still genug werden, um zu lauschen.