Als wäre ich nie dort gewesen

von Markus Bodenmüller

    Ich war einfach zwei Jahre gesund genug.

    Heute bekam ich eine Absage von einer Arztpraxis.

    Ein paar Sätze.
    Korrekt formuliert.
    Verwaltungston.

    Nach über zwei Jahren ohne Kontakt gelte ich dort wieder als Neupatient.
    Und weil keine Kapazitäten für neue Patienten da sind, wurde mein Termin abgesagt.

    Das Eigenartige daran:

    Ich war nicht weg, weil ich kein Interesse hatte.
    Ich war nicht weg, weil mir der Ort egal war.
    Ich war einfach zwei Jahre gesund genug,
    um ihn nicht zu brauchen.

    Und plötzlich wird genau das
    zu einem Grund,
    nicht mehr dazuzugehören.

    Vielleicht hätte mich dieser Satz weniger getroffen,
    wenn es irgendeine Praxis gewesen wäre.

    Aber ich war dort mein Leben lang.

    Erst beim Vorgänger.
    Dann beim Nachfolger.

    Dieser Ort war Teil meiner gesundheitlichen Biografie.
    Kein enger Ort vielleicht.
    Kein Ort, an dem man Beziehung im großen Sinn erwartet.

    Aber doch ein Ort,
    an dem mein Körper schon einmal bekannt war.

    Und vielleicht reicht das manchmal,
    damit ein Wort wie „Neupatient“
    nicht nur sachlich klingt.

    Sondern wie ein kleines Löschen.
    Als hätte es mich dort nie gegeben.

    Und ich merkte:

    Da passiert gerade mehr in mir,
    als diese Nachricht eigentlich erklärt.

    Für einen Moment
    zog es mir den Boden unter den Füßen weg.

    Nicht dramatisch.
    Nicht so, dass man es von außen sehen würde.

    Aber innen war da dieses kurze Fallen.

    Dieses:
    Ach so.

    Ich bin hier nicht mehr gemeint.

    Oder vielleicht war ich es nie so,
    wie ich es innerlich gespeichert hatte.

    Eigentlich ist das nichts Besonderes.
    Ein überlastetes System.
    Eine Regel.
    Eine Grenze.
    Ein Ablauf.

    Und trotzdem kann genau so ein Satz
    etwas berühren,
    das viel tiefer liegt als der Termin.

    Es geht nicht um diese eine Praxis.

    Nicht wirklich.

    Es geht nicht darum, dass irgendwo keine Kapazitäten mehr sind.
    Das kann passieren.

    Menschen sind überlastet.
    Systeme sind voll.
    Niemand kann immer alles auffangen.

    Aber manchmal trifft einen ein Satz nicht wegen seines Inhalts,
    sondern wegen der Welt, aus der er kommt.

    „Nach über zwei Jahren ohne Kontakt gelten Sie als Neupatient.“

    Und plötzlich merkt man:

    Ach so.
    So schnell verfällt Zugehörigkeit.

    Zumindest dort,
    wo sie nie wirklich Beziehung war,
    sondern ein Eintrag.
    Eine Akte.
    Ein Status.
    Ein Datum im System.

    Man war einmal da.
    Mehr noch:

    Man war lange da.

    Man hatte eine Geschichte dort.
    Einen Körper.
    Ein Anliegen.
    Vielleicht auch Angst.
    Vielleicht Vertrauen.
    Vielleicht eine kleine Hoffnung,
    dass man irgendwo nicht wieder ganz von vorne anfangen muss.

    Und dann steht da:

    Neupatient.

    Als wäre nichts gewesen.

    Vielleicht ist genau das der Punkt,
    der so eigenartig weh tut.

    Nicht die Absage.
    Sondern dieses stille Ausgelöschtwerden im Verwaltungslicht.

    Du warst da.
    Aber nicht so,
    dass es bleibt.

    Und ich glaube, viele Menschen kennen dieses Gefühl.

    Nicht nur aus Arztpraxen.

    Auch aus Familien.
    Aus Institutionen.
    Aus Freundschaften.
    Aus Beziehungen, in denen man irgendwann merkt:

    Ich komme hier nicht als Mensch mit Geschichte vor.

    Vielleicht ist das der tiefere Schmerz:

    Nicht, dass niemand helfen kann.
    Sondern dass so vieles in unserer Welt
    keine Erinnerung an Beziehung hat.

    Nur Abläufe.
    Fristen.
    Zuständigkeiten.
    Kapazitäten.

    Und irgendwo dazwischen steht ein Mensch
    mit seiner Geschichte in der Hand
    und merkt:

    Für mich war das ein Ort.

    Für das System war ich ein Vorgang.

    Das ist niemandes Schuld.
    Vielleicht ist es nicht einmal böse.

    Aber es ist kalt.

    Und manchmal reicht ein einziger Verwaltungssatz,
    damit man diese Kälte wieder spürt.

    Nicht laut.
    Nicht spektakulär.

    Nur so,
    dass etwas in einem kurz den Halt verliert.

    Und man einen Moment braucht,
    bis man wieder merkt:

    Ich bin noch da.

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