Die höfliche Form des Verschwindens
Rücksicht oder Selbstverkleinerung?
von Markus Bodenmüller
Manche Menschen sagen von sich:
„Ich nehme einfach Rücksicht.“
Und manchmal stimmt das auch.
Manchmal ist es wirklich Feinfühligkeit.
Reife.
Ein Gespür für den anderen.
Aber nicht immer.
Manches, was wie Rücksicht aussieht,
ist in Wahrheit ein leiser Rückzug aus sich selbst.
Man wird vorsichtiger.
Leiser.
Unauffälliger.
Nicht, weil es wirklich stimmig wäre –
sondern weil man niemanden belasten, irritieren oder verlieren will.
Dann ist Rücksicht nicht mehr Beziehung.
Sondern Anpassung.
Der Unterschied ist von außen oft kaum sichtbar.
Von innen aber schon.
Echte Rücksicht lässt dich bei dir.
Du siehst den anderen,
ohne dich dabei zu verlassen.
Selbstverkleinerung dagegen
kostet Substanz.
Sie hält vielleicht den Frieden –
aber oft um den Preis der eigenen Wahrheit.
Vielleicht ist das die ehrlichere Frage:
Nehme ich gerade Rücksicht?
Oder mache ich mich kleiner,
damit es für andere leichter mit mir ist?
Man merkt den Unterschied oft nicht sofort.
Aber meistens hinterlässt er eine Spur.
Rücksicht fühlt sich am Ende eher still und stimmig an.
Selbstverkleinerung eher eng, müde oder bitter.
Nicht alles, was sanft wirkt, ist innerlich frei.