Ein Sandkorn und das Universum

Eine Urlaubserinnerung

von Markus Bodenmüller

Ich stehe an einem Strand in Dänemark.

Vor mir das Meer.
Unter meinen Füßen Sand.
So viel Sand, dass schon eine Handvoll jede Vorstellung vom Zählen lächerlich macht.

Der Strand zieht sich nach links.
Nach rechts.
Ins Wasser hinein.

Irgendwo hört mein Blick auf.
Der Sand nicht.

Und dann fällt mir dieser Satz ein:

Schätzungen zufolge gibt es mehr Sterne im beobachtbaren Universum als Sandkörner an den Stränden der Erde.

Ich kenne ihn.
Bislang war er nur ein Satz.
Aber manche Sätze versteht man vielleicht erst, wenn man irgendwann mitten in ihnen steht.

Ich sehe hinunter.
Korn neben Korn.

Und dies ist nur ein Strand.
Dazu all die anderen.

Buchten.
Inseln.
Küsten weit weg.

Sand an Orten, deren Namen ich nicht kenne.
Sand, über den vielleicht niemals jemand laufen wird.

Und für all diese Körner dort draußen:
noch mehr Sterne.

Nicht Lichtpunkte.
Sonnen.

Vielleicht mit Planeten.
Monden.
Welten.

Ich schaue nach oben.
Der Himmel ist hell.
Von all diesen Sternen ist nichts zu sehen.

Und gerade das macht es noch wunderlicher.
Sie sind trotzdem da.

Mein Kopf versucht kurz, daraus ein Bild zu machen.

Ein Sandkorn.
Ein Stern.

Noch eines.
Noch einer.
Dann gibt er auf.

Vielleicht beginnt genau dort das Staunen:
wenn wir etwas wissen –
aber es nicht mehr ganz in uns hineinbekommen.

Ich bücke mich und nehme etwas Sand zwischen die Finger.

Ein einziges Korn bleibt an meiner Haut hängen.
Winzig.
Fast nichts.
Und über mir ein Universum, für das selbst dieser ganze Strand kein Maß mehr ist.

Seltsamerweise macht mich der Gedanke nicht kleiner.
Eher stiller.

Vielleicht weil ich für einen Augenblick spüre, dass ich zu etwas gehöre, das ich niemals ganz begreifen werde.

Vielleicht darf manches größer bleiben als unser Kopf.
Vielleicht liegt darin ein Teil des Zaubers:

Dass die Welt nicht dort aufhört, wo unsere Vorstellung endet.

Sand unter meinen Füßen.

Sterne über mir.

Und dazwischen

ich.

Nach oben scrollen