Eine Annäherung an die Seele

von Markus Bodenmüller

    Wenn wir über die Seele sprechen, tun wir oft so, als wüssten wir genau, wovon wir reden.

    Als wäre sie ein Ding.

    Ein Raum.
    Ein Stück.
    Ein Besitz.
    Ein innerer Gegenstand.

    Man sagt:

    Meine Seele ist verletzt.
    Meine Seele weint.
    Ein Seelenanteil ist verloren gegangen.
    Ich muss etwas zurückholen, damit ich wieder ganz bin.

    Und vielleicht meinen Menschen damit etwas Wahres.

    Aber vielleicht benutzen wir dafür Bilder, die zu klein sind.

    Denn wir sprechen mit Begriffen aus der Welt der Dinge über etwas, das kein Ding ist.

    Wir sprechen von Teilen.
    Von Verlust.
    Von Ganzheit.
    Von Rückholung.

    Als wäre die Seele ein Kuchen, von dem ein Stück fehlt.

    Oder ein Teller, der zerbrochen ist.

    Oder ein Raum, aus dem etwas herausgefallen ist.

    Aber die Seele ist kein Kuchen.

    Ein Kuchen kann groß sein oder klein.
    Man kann ein Stück abschneiden.
    Man kann sehen, ob etwas fehlt.

    Aber die Seele?

    Vielleicht ist sie nicht groß.
    Vielleicht ist sie nicht klein.
    Vielleicht ist sie nicht messbar.

    Vielleicht ist sie stecknadelklein
    und trägt die Kraft von tausend Sonnen.

    Vielleicht ist sie weit wie ein Meer
    und doch ganz in einem Atemzug anwesend.

    Vielleicht ist jede Größenangabe falsch,
    weil Größe schon wieder ein Begriff aus der Welt der Dinge ist.

    Dann hieße „ganz“ nicht:

    Alle Stücke sind vorhanden.

    Sondern eher:

    Nichts an ihr ist aus der Quelle gefallen.
    Nichts an ihr ist weniger sie selbst.
    Nichts an ihr muss ergänzt werden,
    damit sie Seele ist.

    Die Seele ist ganz,
    nicht weil sie vollständig zusammengesetzt ist,
    sondern weil sie gar nicht aus Teilen besteht.

    Und trotzdem gibt es dieses andere Erleben.

    Dass ein Mensch sich nicht ganz fühlt.

    Dass etwas in ihm fehlt.
    Oder leer ist.
    Oder verschattet.
    Oder nicht erreichbar.

    Dass manche inneren Räume nicht bewohnt sind.
    Dass bestimmte Gefühle keinen Zugang mehr haben.

    Dass Lebenskraft gebunden ist.
    Dass ein Teil des Erlebens irgendwo stehen geblieben scheint.

    Nicht als verlorene Seele.
    Sondern als unterbrochene Verkörperung.

    Vielleicht liegt die Verwirrung genau hier:

    Wir vermischen zwei Arten von Ganzheit.

    Die Ganzheit der Seele.

    Und die erlebte Ganzheit des Menschen.

    Die Seele kann ganz sein.

    Und der Mensch kann sich trotzdem nicht ganz fühlen.

    Das ist kein Widerspruch.

    Es sind zwei Ebenen.

    Die Seele bleibt ganz.

    Aber ihre Verkörperung kann unterbrochen sein.

    Nicht die Seele ist zerbrochen.

    Aber der Mensch kann sich von ihr abgeschnitten fühlen.

    Nicht die Seele fehlt.

    Aber der Kontakt zu ihr kann fehlen.

    Nicht die Seele ist verloren.

    Aber ihre Beseeltheit ist nicht mehr überall spürbar.

    Das ist ein großer Unterschied.

    Denn wenn ich glaube,
    ein Teil meiner Seele sei verloren,
    entsteht leicht eine alte Not:

    Ich bin nicht ganz.
    Ich bin nicht vollständig.
    Ich muss mich irgendwo einsammeln.

    Ich brauche jemanden,
    der mir sagt,
    was mir fehlt.

    Aber vielleicht fehlt nicht die Seele.

    Vielleicht fehlt Ruhe.
    Vielleicht fehlt Sicherheit.

    Vielleicht fehlt ein Körper,
    der wieder bewohnbar wird.

    Vielleicht fehlt ein innerer Raum,
    in den ich zurückkehren darf,
    ohne mich sofort erklären,
    verbessern
    oder reparieren zu müssen.

    Vielleicht ist nicht ein Seelenanteil abgespalten.

    Vielleicht ist ein Lebensanteil geschützt.

    Ein Lebensanteil,
    der sich zurückgezogen hat,
    weil es damals nicht anders ging.

    Ein Kindanteil.

    Ein mutiger Anteil.
    Ein weicher Anteil.
    Ein wilder Anteil.

    Ein vertrauender Anteil.

    Ein Anteil,
    der einmal zu viel gefühlt hat.

    Er ist vielleicht nicht weg.

    Er ist nur nicht mehr frei verfügbar.

    Er lebt nicht mehr offen im Haus.

    Er sitzt vielleicht in einem inneren Zimmer,
    das lange nicht betreten wurde.

    Nicht, weil er falsch ist.

    Sondern weil er dort einmal sicherer war.

    Vielleicht bedeutet Heilung dann nicht,
    die Seele zusammenzusuchen.

    Vielleicht bedeutet Heilung,
    innere Räume wieder bewohnbar zu machen.

    Räume,
    in denen wieder Wärme entstehen darf.

    Räume,
    in denen etwas auftauen darf.

    Räume,
    in denen Lebenskraft nicht mehr gebunden bleiben muss.

    Räume,
    in denen etwas in uns merkt:

    Ich darf wieder da sein.

    Vielleicht ist die Seele wie Licht.

    Nicht als Erklärung.
    Nur als Bild.

    Das Licht ist da.

    Aber ein Raum kann verschattet sein.

    Dann fehlt nicht das Licht an sich.

    Aber es erreicht nicht jeden Winkel.

    Nicht, weil es schwach wäre.

    Sondern weil etwas davorsteht.

    Eine alte Angst.

    Eine Schutzbewegung.

    Eine Erschöpfung.

    Eine Geschichte,
    die nie ganz gefühlt werden durfte.

    Eine Anpassung,
    die einmal Überleben war.

    Dann geht es nicht darum,
    das Licht zu reparieren.

    Sondern darum,
    den Raum langsam wieder zu öffnen.

    Vielleicht ist das mit der Seele ähnlich.

    Sie muss nicht größer werden.
    Nicht vollständiger.
    Nicht richtiger.

    Aber der Mensch kann durchlässiger werden für sie.

    Und vielleicht ist genau das Beseeltheit:

    Nicht dass die Seele erst kommt.

    Sondern dass sie wieder durchkommt.

    Durch den Körper.

    Durch die Stimme.

    Durch die Hände.

    Durch Entscheidungen.

    Durch Grenzen.

    Durch Nähe.

    Durch Stille.

    Durch den Mut,
    nicht nur zu funktionieren.

    Ein Mensch kann sehr funktional sein
    und trotzdem wenig beseelt wirken.

    Er erledigt.
    Regelt.
    Kontrolliert.
    Erklärt.
    Funktioniert.

    Aber etwas lebt nicht mit.

    Nicht, weil keine Seele da wäre.

    Sondern weil bestimmte Räume in ihm nicht mehr von innen leuchten.

    Vielleicht ist das gemeint,
    wenn Menschen sagen:

    Ich fühle mich nicht ganz.

    Nicht:

    Meine Seele ist kaputt.

    Sondern:

    Ich erlebe meine Ganzheit nicht.

    Ich weiß vielleicht irgendwo,
    dass ich mehr bin als mein Funktionieren.

    Aber ich komme nicht hin.

    Ich spüre es nicht.

    Ich kann es denken,
    aber nicht bewohnen.

    Auch das Bild vom Seelenmeer ist schön
    und schwierig zugleich.

    Wir kommen aus dem Meer.
    Wir gehen zurück ins Meer.

    Vielleicht.

    Aber wenn wir ins Meer zurückgehen,
    lösen wir uns dann auf?

    Bleibt etwas Individuelles?

    Sind wir Welle oder Wasser?

    Sind wir einzelne Melodie
    oder großer Klang?

    Vielleicht ist auch hier jedes Entweder-oder zu klein.

    Vielleicht sind wir individuell,
    ohne getrennt zu sein.

    Vielleicht kehren wir zurück,
    ohne je wirklich weg gewesen zu sein.

    Vielleicht sind wir Welle und Meer.

    Nicht als Behauptung.

    Eher als Ahnung.

    Vielleicht ist die Seele genau dort,
    wo unser Denken an seine Grenze kommt
    und trotzdem nicht aufhören kann zu lauschen.

    Deshalb sollten wir vorsichtig sein,
    wenn wir über sie sprechen.

    Nicht kalt vorsichtig.

    Sondern ehrfürchtig vorsichtig.

    Denn manche Worte machen eng,
    was eigentlich weit bleiben müsste.

    „Seelenanteil“ kann ein hilfreiches Bild sein,
    wenn es meint:

    Da gibt es etwas in mir,
    das wieder heimfinden möchte.

    Aber es kann schwierig werden,
    wenn es meint:

    Du bist nicht vollständig.

    Dir fehlt etwas Wesentliches.

    Du brauchst erst eine Methode,
    ein Ritual,
    eine fremde Deutung,
    um wieder ganz zu sein.

    Vielleicht wäre eine andere Sprache würdevoller.

    Nicht verlorene Seele,
    sondern gebundene Lebenskraft.

    Nicht fehlende Ganzheit,
    sondern nicht integriertes Erleben.

    Nicht abgespaltene Seele,
    sondern geschützte innere Räume.

    Nicht kaputt,
    sondern nicht mehr erreichbar.

    Nicht seelenlos,
    sondern nicht mehr beseelt verbunden.

    Vielleicht müssen wir die Seele nicht zurückholen.

    Vielleicht müssen wir das Leben in uns wieder einladen.

    Vielleicht müssen wir den Körper beruhigen,
    damit er wieder ein Haus werden kann.

    Vielleicht müssen wir aufhören,
    unsere Schutzräume für Leere zu halten.

    Vielleicht wartet dort nicht ein fehlendes Stück Seele.

    Vielleicht wartet dort ein Teil unseres Lebens,
    der lange nicht sicher genug war,
    sich wieder zu zeigen.

    Die Seele bleibt ganz.

    Aber der Mensch muss manchmal erst wieder lernen,
    diese Ganzheit zu bewohnen.

    Vielleicht ist Heilung nicht,
    vollständig zu werden.

    Vielleicht ist Heilung,
    wieder spürbar zu werden für das,
    was in uns nie ganz verschwunden ist.

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