Ich bin nicht mehr dort
von Markus Bodenmüller
Heute möchte ich über etwas schreiben,
das viele von uns erst spät erkennen:
Dass wir manchmal nicht dorthin zurückgehen,
weil es gut war.Sondern weil es vertraut war.
Es war einmal – so fangen Geschichten an.
Und manchmal auch unsere.
Ein Kind lernte einmal einen Weg nach Hause.
Der Weg war schmal.
An manchen Stellen dunkel.
An manchen Stellen musste es sehr leise gehen.
Aber das Kind kannte jede Wurzel.
Jeden Stein.
Jede Stelle,
an der man besser den Atem anhielt.
Viele Jahre später stand dieses Kind
als erwachsener Mensch
vor einer helleren Straße.
Sie war offen.
Freundlich.
Still.
Doch der Fuß wollte wieder
den alten Pfad nehmen.
Nicht weil der alte Pfad schön war.
Sondern weil der Körper ihn kannte.
Vielleicht beginnt Heilung nicht damit,
sofort einen neuen Weg zu gehen.
Vielleicht beginnt sie mit dem leisen Satz:
Ich bin nicht mehr dort.
Und ich darf heute anders nach Hause finden.
Vielleicht ist es mit Bindung manchmal genau so.
Wir gehen nicht immer dorthin zurück,
weil es gut war.
Manchmal gehen wir dorthin zurück,
weil etwas in uns den Weg kennt.
Manchmal merken wir erst sehr spät,
wie tief Bindung in uns sitzt.
Nicht nur als Gefühl.
Nicht nur als Sehnsucht.
Sondern als Bewegung.
Als Kind musste man vielleicht bestimmte Dinge tun,
damit Verbindung nicht verloren ging.
Brav sein.
Still sein.
Verstehen.
Rücksicht nehmen.
Sich anpassen.
Nicht zu viel brauchen.
Nicht zu laut fühlen.
Nicht widersprechen.
Oder sehr genau spüren,
wie die Stimmung im Raum ist.
Damals war das nicht falsch.
Damals war es vielleicht klug.
Ein Kind tut nicht einfach irgendetwas.
Es sucht Nähe.
Es sucht Sicherheit.
Es sucht den Platz,
an dem es bleiben darf.
Und wenn dieser Platz an Bedingungen geknüpft war,
lernt etwas in uns sehr früh:
So halte ich Bindung.
So bleibe ich gemeint.
So verliere ich niemanden.
Das Schwierige ist:
Diese Bewegungen hören nicht automatisch auf,
nur weil wir erwachsen werden.
Sie sitzen irgendwann nicht mehr nur im Denken.
Sie sitzen im Körper.
Im Atem.
Im Reflex.
In der Art,
wie wir lieben.
In der Art,
wie wir schweigen.
In der Art,
wie wir uns erklären,
entschuldigen,
zurücknehmen
oder bemühen.
Und manchmal begegnen wir später Menschen,
bei denen etwas in uns sofort weiß,
wie es funktionieren muss.
Nicht unbedingt,
weil diese Menschen genauso sind
wie Vater oder Mutter.
So einfach ist es selten.
Oft ist es feiner.
Es ist eine Stimmung.
Eine vertraute Form von Nähe.Vielleicht Nähe mit Unsicherheit.
Zuwendung mit Abstand.
Liebe mit Leistung.
Kontakt mit Anpassung.
Anerkennung mit Bedingung.
Und weil wir diese Landschaft kennen,
finden wir uns darin zurecht.
Vielleicht sogar besser
als in einer Landschaft,
die freundlicher wäre.
Nicht weil das Alte stimmiger ist.
Sondern weil es lesbarer ist.
Weil der Körper schon weiß,
wo er vorsichtig sein muss.
Wo er leise werden muss.
Wo er sich erklären muss.
Wo er sich bemühen muss,
damit Verbindung nicht abreißt.
Das bedeutet nicht,
dass wir unsere Eltern beschuldigen müssen.
Es bedeutet auch nicht,
dass alles Alte schlecht war.
Man kann jemanden lieben.
Achten.
Vielleicht sogar innerlich schützen.
Und trotzdem erkennen,
dass man in dieser Beziehung etwas gelernt hat,
das später weiterwirkt.
Das ist kein Verrat.
Es ist nur Wahrnehmung.
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort:
wo wir merken,
dass das Vertraute nicht immer das Stimmige ist.Und dass eine alte Bindungsbewegung
nicht unser ganzes Leben bestimmen muss.
Was früher Nähe gesichert hat,
darf heute angeschaut werden.
Nicht hart.
Nicht anklagend.
Nicht gegen jemanden.
Sondern mit Würde.
Denn vielleicht war es damals eine Rettung.