Im Jetzt sein reicht manchmal nicht

von Markus Bodenmüller

Wir sprechen oft vom Jetzt.

Vom gegenwärtigen Moment.

Vom Ankommen.

Vom Loslassen der Vergangenheit.

Vom Nicht-Hineinfallen in die Zukunft.

Und das ist wichtig.

Denn vieles von dem, was uns quält, geschieht tatsächlich nicht in diesem einen Moment.

Es geschieht in Erinnerungen.
In Befürchtungen.
In alten Geschichten.
In inneren Filmen.
In Gedanken, die schon zehn Schritte weiter sind oder zwanzig Jahre zurück.

Darum ist das Jetzt ein großer Gedanke.

Es holt uns aus der Zeit.

Es sagt:

Komm zurück.

Nicht gestern.
Nicht morgen.
Nicht in dem Gespräch, das längst vorbei ist.
Nicht in der Angst vor dem, was vielleicht kommt.

Jetzt.

Aber vielleicht wurde genau dieses zweite Wort zu wenig beachtet:

Hier.

Denn Gegenwart ist nicht nur eine Zeit.

Gegenwart ist auch ein Ort.

Nicht nur ein Ort im Außen.

Sondern ein Ort in uns.

Der Körper.
Der Atem.
Die Stimme.
Die Grenze.
Die innere Bewohnbarkeit.

Ein Mensch kann im Jetzt sitzen und trotzdem nicht in sich wohnen.

Er kann ruhig atmen und trotzdem bestimmte Räume in sich meiden.

Er kann meditieren und trotzdem nicht dort ankommen, wo es in ihm eng, wund oder verlassen ist.

Er kann sagen:
Ich bin präsent.

Und doch ist etwas in ihm nicht da.

Nicht, weil er lügt.
Sondern weil Anwesenheit mehr ist als ein Moment auf der Uhr.

Das Jetzt fragt:

Bin ich in dieser Zeit?

Das Hier fragt:

Bin ich in mir?

Und vielleicht ist das die vergessene Hälfte.

Nicht nur:

Bin ich jetzt da?

Sondern:

Wo bin ich da?

Bin ich in meinem Körper?

In meinem Atem?

In meiner Stimme?

In meinem Bauch?

In meiner Grenze?

In meiner Weichheit?

In meiner Lebendigkeit?

Oder bin ich nur funktional anwesend?

Sitze ich hier, aber innerlich ein Stück daneben?

Spreche ich, aber meine Stimme kommt nicht ganz aus mir?

Lächle ich, aber ein Teil von mir hält den Atem an?

Antworte ich, aber eigentlich bin ich längst ausgewichen?

Dann bin ich vielleicht im Jetzt.

Aber nicht im Hier.

Das klingt seltsam.

Und doch kennen es viele.

Man ist da.
Aber nicht bewohnt.

Der Körper sitzt auf dem Stuhl.

Die Augen schauen.

Der Mund sagt etwas.

Die Hände tun, was zu tun ist.

Aber innerlich ist es, als hätte jemand das Haus verlassen.

Nicht ganz.

Nicht sichtbar.

Nicht dramatisch.

Aber spürbar.

Man funktioniert.

Man reagiert.

Man macht weiter.

Aber etwas lebt nicht mit.

Vielleicht sind das die inneren Räume, die wir einmal verlassen haben.

Innere Räume sind jene Bereiche in uns, in denen wir fühlen, erinnern, hoffen, schützen, erstarren, lieben, ausweichen oder wieder lebendig werden.

Es sind keine Zimmer im wörtlichen Sinn.

Und doch gibt es sie.

Einen Raum, in dem Schmerz lag.

Einen Raum, in dem Sehnsucht keinen Platz hatte.

Einen Raum, in dem Wut gefährlich war.

Einen Raum, in dem Nähe unsicher wurde.

Einen Raum, in dem man nicht weich sein durfte.

Einen Raum, in dem man nicht gemeint war.

Einen Raum, in dem man gelernt hat:

Hier bleibe ich besser nicht.

Und dann zieht sich etwas zurück.

Nicht die Seele.

Nicht die Würde.

Nicht das, was uns im Tiefsten ausmacht.

Aber der Zugang.

Die Lebenskraft.

Die Beseeltheit dieses Raumes.

Dann bleibt ein Mensch äußerlich da.

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Aber innerlich wird ein Bereich unbewohnt.

Er wird stillgelegt.

Geschützt.

Verschlossen.

Vielleicht sogar vergessen.

Und später sagen wir:

Ich fühle mich nicht ganz.

Ich komme nicht richtig an mich heran.

Ich weiß, dass da etwas ist, aber ich spüre es nicht.

Ich bin müde, obwohl ich schlafe.

Ich bin unter Menschen, aber nicht verbunden.

Ich bin in meinem Leben, aber nicht wirklich darin.

Vielleicht fehlt dann nicht das Jetzt.

Vielleicht fehlt das Hier.

Vielleicht reicht es nicht, aus der Vergangenheit zurückzukehren, wenn bestimmte Räume in uns nie wieder betreten wurden.

Vielleicht reicht es nicht, Gedanken ziehen zu lassen, wenn der Körper noch nicht weiß, dass er bleiben darf.

Vielleicht reicht es nicht, den Moment zu beobachten, wenn der Mensch, der ihn erlebt, nicht ganz in sich wohnt.

Das Jetzt kann sehr klar sein.

Aber das Hier ist manchmal langsamer.

Das Jetzt sagt:

Dieser Moment.

Das Hier sagt:

Dieser Körper.

Diese Brust.

Dieser Bauch.

Diese Enge.

Diese Grenze.

Dieses Zittern.

Diese Müdigkeit.

Diese alte Stelle, an der du dich einmal verlassen musstest.

Das Hier ist nicht abstrakt.

Es ist nicht nur Bewusstsein.

Es ist verkörperte Anwesenheit.

Es ist die Frage:

Kann ich wieder dort sein, wo ich mich nicht sicher fühlte?

Nicht mit Gewalt.

Nicht durch Drücken.

Nicht durch spirituelles Übersteigen.

Sondern langsam.

Würdevoll.

Mit Achtung vor dem Schutz, der dort entstanden ist.

Denn kein innerer Raum wurde grundlos verlassen.

Wo heute Leere ist, war vielleicht einmal Überforderung.

Wo heute Taubheit ist, war vielleicht einmal zu viel Gefühl.

Wo heute Kontrolle ist, war vielleicht einmal Haltlosigkeit.

Wo heute Rückzug ist, war vielleicht einmal fehlende Sicherheit.

Wo heute Funktionieren ist, war vielleicht einmal keine Zeit, ein Kind zu sein.

Darum ist Heimkehr nicht einfach.

Man kann einem Menschen nicht sagen:

Komm doch einfach ins Jetzt.

Wenn sein Körper noch im Damals lebt.

Man kann nicht sagen:

Lass los.

Wenn etwas in ihm noch festhält, weil es damals keine andere Möglichkeit gab.

Man kann nicht sagen:

Sei präsent.

Wenn Präsenz früher gefährlich war.

Manchmal braucht es nicht mehr Jetzt.

Manchmal braucht es mehr Hier.

Mehr Körper.

Mehr Boden.

Mehr Erlaubnis.

Mehr sichere Anwesenheit.

Mehr Räume, in denen nichts sofort gelöst werden muss.

Vielleicht beginnt Heilung dort, wo ein Mensch nicht mehr nur den Moment beobachtet, sondern wieder in sich einzieht.

In die Stimme.

In den Atem.

In die Hände.

In die Grenze.

In die eigene Wahrnehmung.

In die Räume, die lange nur funktioniert haben.

Vielleicht ist das Hier der Ort, an dem die Seele wieder durchkommt.

Nicht weil sie vorher weg war.

Sondern weil der Mensch wieder bewohnbar wird.

Das Jetzt holt uns aus der Zeit.

Das Hier holt uns in uns selbst zurück.

Und vielleicht braucht Gegenwart beides.

Den Moment, in dem ich nicht mehr fliehe.

Und den inneren Ort, an dem ich wieder bleiben kann.

Denn es ist möglich, im Jetzt zu sein und sich trotzdem nicht zu bewohnen.

Und es ist möglich, nach Hause zu kommen, ohne den Raum zu wechseln.

Nur indem man merkt:

Ich bin hier.

Nicht nur auf dieser Erde.

Nicht nur in diesem Augenblick.

Sondern in mir.

In meinem Körper.

In meinem Leben.

In den Räumen, die lange warten mussten.

Vielleicht ist das die tiefere Gegenwart.

Nicht nur:

Ich bin jetzt.

Sondern:

Ich bin wieder hier.

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