Kulturhöhepunkt mit Schnurrhaaren

von Markus Bodenmüller

Katzenvideos bekommen mehr Aufmerksamkeit als Literatur.

Das ist vermutlich kein Zeichen für den Untergang der Menschheit.
Aber ganz sicher auch kein Beweis für ihren kulturellen Höhepunkt.

Eine Katze fällt vom Sofa,
und die Welt lacht.

Ein Gedicht fällt aus einem Menschen heraus,
und drei Leute klicken höflich auf „Gefällt mir“.

Vielleicht ist das ungerecht.
Vielleicht ist es einfach nur unsere Zeit.

Oder vielleicht war es nie anders.

Denn die Vorstellung, dass gute Kunst sich am Ende schon durchsetzt,
ist ein schöner Trost,
den sich Künstler erzählen,
damit sie nicht zu lange ins Dunkel schauen.

In Wahrheit ist vieles,
was je gedacht, geschrieben, gesungen, gereimt,
gefaltet, gesammelt
und mit zittriger Hand aufgehoben wurde,
wieder verschwunden.

Vergessen.
Verloren.
Überschrieben.
Verbrannt.
Nicht gelesen.

Manchmal blieb ein Werk nicht,
weil es besser war.

Sondern weil das Haus nicht abbrannte.
Weil jemand Geld für Papier hatte.
Weil ein Freund es aufhob.
Weil ein Zufall gnädig war.

Das Katzenvideo und das vergessene Gedicht
teilen sich am Ende vielleicht
dasselbe große Rauschen.

Das eine verschwindet nach dem Klick.

Das andere nach Jahrzehnten
in einem Regal.

Der Unterschied ist nur:

Die Katze hatte beim Sturz vom Sofa
wenigstens ein Publikum im Hier und Jetzt.

Der Dichter saß oft allein im Dunkeln
und hoffte,
dass irgendwo später
ein Mensch das Licht anmacht.

Und trotzdem:

Eine Katze bringt uns
für sieben Sekunden zum Lächeln.

Ein Gedicht kann manchmal erst Jahre später
in jemandem aufgehen.

Vielleicht ist das kein Trost.

Aber es ist auch nicht nichts.

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