Landkarte innerer Regeln
Verborgene innere Regeln sprachlich greifbar machen
Von Markus Bodenmüller entwickelt
Menschen leben nicht nur nach bewussten Überzeugungen.
Im Hintergrund wirken häufig innere Regeln, die beeinflussen, was sich sicher, erlaubt, möglich oder stimmig anfühlt.
Solche Regeln können lauten:
Ich muss alles allein tragen.
Meine Bedürfnisse sind zu viel.
Wenn ich widerspreche, verliere ich die Beziehung.
Ich darf erst ruhen, wenn alles erledigt ist.
Diese Sätze werden nicht unbedingt bewusst gedacht.
Sie zeigen sich eher darin, was jemand erwartet, vermeidet, zurückhält – oder welche Möglichkeiten sich innerlich kaum erreichbar anfühlen.
Das sichtbare Problem ist nicht immer die ganze Geschichte
Vielleicht sagt jemand:
Ich kann schlecht Nein sagen.
Doch darunter können ganz unterschiedliche innere Regeln wirken:
Wenn ich Nein sage, verletze ich den anderen.
Meine Grenze zählt nur, wenn ich sie gut begründen kann.
Wenn ich widerspreche, verliere ich die Beziehung.
Von außen sieht das Verhalten ähnlich aus.
Innerlich kann jedoch eine vollkommen andere Logik wirken.
Deshalb greift ein Rat wie
Du musst eben besser Grenzen setzen.
häufig zu kurz.
Vielleicht braucht jemand nicht zuerst mehr Entschlossenheit, sondern eine genauere Sprache dafür, weshalb die Grenze bisher nicht sicher, erlaubt oder möglich erschien.
Was ist die Landkarte innerer Regeln?
Die Landkarte innerer Regeln ist ein von mir entwickeltes Gesprächs- und Orientierungsinstrument.
Sie hilft dabei, mögliche innere Regeln einzugrenzen und sprachlich greifbar zu machen.
8 Lebensbereiche · 64 Themenfelder
512 Regelfamilien · 1.536 mögliche Formulierungen
Diese Vielfalt soll Menschen nicht immer feiner einsortieren.
Sie soll vorschnelle Vereinfachungen vermeiden.
Geht es beim schwierigen Nein um Sicherheit? Um Zugehörigkeit? Um das Recht auf einen eigenen Raum? Um die Angst, den anderen zu verletzen?
Die Landkarte bietet mögliche Fragen und Sätze an.
Sie entscheidet nicht, welcher davon wahr ist.
Die acht Lebensbereiche
Sicherheit und Halt
Kann ich mich sicher fühlen, mich entspannen, vertrauen und erleben, dass etwas trägt?
Versorgung und Regeneration
Darf ich Bedürfnisse haben, Hilfe annehmen, versorgt sein, ruhen und mich erholen?
Beziehung und Zugehörigkeit
Darf ich Nähe, Verbindung und Zugehörigkeit erleben, ohne mich dabei zu verlieren?
Würdigung und Gesehenwerden
Darf ich Aufmerksamkeit, Interesse, Anerkennung und Wertschätzung erhalten und annehmen?
Selbstbestimmung und eigener Raum
Darf ich wählen, entscheiden, Grenzen setzen, Abstand nehmen und meinem eigenen Tempo folgen?
Ausdruck und Authentizität
Darf ich Bedürfnisse, Gefühle, Wahrnehmungen, Meinungen, Wünsche und Eigenart zeigen?
Wirksamkeit und Entwicklung
Darf ich Einfluss nehmen, lernen, wachsen, beitragen und die Wirkung meines Handelns annehmen?
Orientierung und Sinn
Darf ich eine eigene Richtung, Werte, Hoffnung, Stimmigkeit und Verbindung mit etwas Größerem erleben?
Wie die Landkarte arbeitet
Am Anfang steht nicht die Landkarte.
Am Anfang steht eine konkrete Situation.
Nicht nur:
Ich kann keine Hilfe annehmen.
Sondern zum Beispiel:
Als mein Freund mir Hilfe angeboten hat, habe ich sofort abgelehnt, obwohl ich völlig erschöpft war.
Von dort wird schrittweise eingegrenzt:
Grundbereich → Themenfeld → Regelfamilie → mögliche Formulierung
Die gesamte Landkarte wird nicht durchgearbeitet.
Es geht darum, eine kleine Auswahl möglicher Sätze zu finden und zu prüfen, ob etwas davon berührt.
Die Landkarte selbst erkunden
Du kannst die Landkarte direkt im Browser ausprobieren.
Ausgehend von einer konkreten Situation führt sie dich Schritt für Schritt durch die verschiedenen Ebenen und bietet mögliche innere Regeln als Arbeitshypothesen an.
Es geht nicht darum, den „richtigen“ Satz zu finden.
Vielleicht passt eine Formulierung. Vielleicht verändert sie sich.
Vielleicht hilft gerade dein Widerspruch dabei, genauer zu werden.
Die eigene Sprache hat Vorrang
Die Formulierungen der Landkarte sind Vorschläge.
Vielleicht steht dort:
Meine Bedürfnisse gefährden die Nähe.
Der Mensch sagt jedoch:
Ich darf nicht zu viel Nähe wollen.
Dann ist seine Formulierung genauer.
Auch einzelne Wörter können für verschiedene Menschen etwas völlig Unterschiedliches bedeuten.
Aufmerksamkeit kann Interesse und Zuwendung bedeuten – oder Beobachtung und Kontrolle.
Deshalb kann eine einfache Frage entscheidend sein:
Was bedeutet dieses Wort für dich?
Nicht das Wörterbuch entscheidet, was ein Satz innerlich bedeutet.
Entscheidend ist die persönliche Bedeutung.
Was die Landkarte nicht ist
Die Landkarte stellt keine Diagnose.
Ein gefundener Satz ist keine objektive Wahrheit über einen Menschen.
Er bleibt eine Arbeitshypothese.
Nicht jede innere Regel braucht eine Ursprungsgeschichte.
Nicht jede Erkenntnis muss sofort verändert oder „aufgelöst“ werden.
Manchmal genügt ein kurzer Moment:
Ach. Danach lebe ich also.
Vom Satz zurück ins Gespräch
Wenn eine mögliche innere Regel sichtbar wird, kann das Gespräch mit den Fragen der Würdeorientierten Gesprächsführung weitergehen:
Was macht dieser Satz mit dir?
Was ist dir daran wichtig?
Was wäre für dich stimmig?
Was ist ein kleiner stimmiger Schritt?
Die Landkarte findet nicht die Wahrheit über einen Menschen.
Sie bietet mögliche Sprache an.
Das Gespräch findet den Menschen darin.
Häufige Fragen
Wird die gesamte Landkarte durchgearbeitet?
Nein. Sie wird schrittweise eingegrenzt. Häufig wird nur ein Lebensbereich, ein Themenfeld und eine kleine Auswahl möglicher Sätze betrachtet.
Wird mir gesagt, welche innere Regel ich habe?
Nein. Ein Satz wird als Möglichkeit geprüft. Du darfst zustimmen, widersprechen, ihn verändern oder eine eigene Formulierung finden.
Muss ich wissen, woher eine Regel kommt?
Nein. Eine Ursprungsgeschichte ist keine Voraussetzung.
Manchmal ist das Sichtbarwerden bereits genug.
Brauche ich dafür einen Armlängentest oder ein anderes Testverfahren?
Nein.
Die Landkarte kann im Gespräch, über Resonanz und durch sorgfältiges Eingrenzen genutzt werden.
Ein körperorientiertes oder kinesiologisches Testverfahren kann ergänzend eine mögliche Richtung anzeigen. Es entscheidet jedoch nicht darüber, was für einen Menschen wahr ist.
Das eigene Erleben und ein mögliches Nein haben immer Vorrang.
Zwei Einblicke in die Landkarte
Wenn Nein sagen schwerfällt
Hinter einem schwierigen Nein können unterschiedliche innere Regeln stehen.
Vielleicht fühlt sich die Grenze wie eine Verletzung des anderen an. Vielleicht braucht sie einen unangreifbaren Grund. Vielleicht scheint sie die ganze Beziehung zu gefährden.
Sieben innere Regeln hinter einem schwierigen Nein
Wenn Ruhe sich nicht sicher anfühlt
Manchmal fehlt nicht die richtige Entspannungsmethode.
Möglicherweise wirkt im Hintergrund eine Regel wie:
Wenn ich mich entspanne, werde ich unvorsichtig.
Oder:
Ich darf erst ruhen, wenn alles erledigt ist.
Warum Ruhe sich manchmal nicht sicher anfühlt →
Die Landkarte in meiner Begleitung
In einer Begleitung wird die Landkarte nicht benutzt, um dich einzuordnen.
Sie hilft dabei, Unterschiede sichtbar zu machen und eine Sprache zu finden, die genauer zu deinem eigenen Erleben passt.
Vielleicht passt ein vorgeschlagener Satz.
Vielleicht passt keiner.
Vielleicht entsteht erst im Widerspruch deine eigene Formulierung.
Nicht einen Menschen in der Landkarte wiederfinden.
Sondern eine Sprache finden, in der der Mensch sich selbst wiedererkennt.
css