Love it, change it or leave it.
von Markus Bodenmüller
Liebe es.
Verändere es.
Oder geh.
Drei Möglichkeiten.
Klingt ziemlich aufgeräumt.
Und vielleicht mögen wir solche Sätze genau deshalb so gern.
Sie machen aus etwas Kompliziertem eine Entscheidung.
Nur leben Menschen selten so ordentlich.
Zwischen love it und leave it kann ziemlich viel liegen.
Ich kann einen Arbeitsplatz mögen und trotzdem unter bestimmten Bedingungen leiden.
Ich kann einen Menschen lieben und zugleich merken, dass mir etwas in der Beziehung nicht guttut.
Ich kann etwas verändern wollen und noch keine Ahnung haben, ob ich überhaupt Einfluss darauf habe.
Und ich kann wissen, dass etwas nicht mehr stimmt – ohne schon bereit zu sein zu gehen.
Das ist nicht automatisch Unentschlossenheit.
Manchmal ist es schlicht die Wirklichkeit.
Bevor ich entscheide, muss ich manchmal erst merken, was los ist
Ein Satz wie love it, change it or leave it setzt an einer Stelle ein, an der vieles bereits geklärt sein müsste.
Was genau stört mich?
Was macht die Situation mit mir?
Was ist mir daran wichtig?
Was davon möchte ich verändern?
Was kann ich überhaupt verändern?
Und was wäre für mich stimmig, wenn es so bleibt?
Erst danach kann ein change it oder ein leave it wirklich zu meiner Entscheidung werden.
Vorher ist es schnell nur eine weitere Aufforderung:
Nun entscheide dich halt.
Auch „change it“ ist nicht immer möglich
Gerade im Arbeitsleben klingt der Satz zunächst nach Selbstwirksamkeit.
Gefällt es dir nicht? Dann ändere etwas.
Aber nicht jede Hierarchie lässt sich verändern.
Nicht jedes Team lässt sich bewegen.
Nicht jede Arbeitsbedingung liegt in meiner Hand.
Und auch leave it ist nicht so leicht, wie zwei englische Wörter vermuten lassen.
Menschen haben Verpflichtungen.
Sie brauchen Einkommen.
Vielleicht haben sie Beziehungen aufgebaut, die ihnen wichtig sind.
Vielleicht hoffen sie noch.
Vielleicht wissen sie schlicht noch nicht, was danach kommt.
All das verschwindet nicht, nur weil die Entscheidung theoretisch aus drei Möglichkeiten besteht.
Der Satz ist nicht falsch
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Love it, change it or leave it ist nicht unbedingt falsch.
Als weit entfernte Orientierung kann der Satz sogar hilfreich sein.
Wenn etwas für mich nicht mehr stimmt, werde ich mich irgendwann dazu verhalten müssen.
Ich kann prüfen, ob sich mein Verhältnis dazu verändern kann.
Ich kann versuchen, die Situation zu verändern.
Ich kann gehen.
Aber zwischen dem Erkennen und dem Handeln liegt manchmal ein ganzer Weg.
Und diesen Weg sollten wir nicht mit einem klugen Satz überspringen.
Denn Klarheit ist etwas anderes als Vereinfachung.
Vielleicht braucht es deshalb zunächst keine schnelle Entscheidung.
Sondern eine ehrlichere Frage:
Was stimmt hier für mich eigentlich nicht mehr?
Und dann kann man weitersehen.