Mehr erleben braucht nicht mehr erklären
Was Barfußgehen mit der Art zu tun hat, wie wir Erfahrungen begegnen
von Markus Bodenmüller
Barfußgehen verändert etwas.
Plötzlich ist da mehr.
Kalt.
Warm.
Nass.
Trocken.
Weich.
Rau.
Spitz.
Glatt.
Der Boden ist nicht mehr einfach nur Boden.
Er wird spürbar.
Der Fuß reagiert.
Der Schritt verändert sich.
Der Körper bekommt Informationen, die sonst ein Schuh abfängt.
Ich muss daraus nichts machen.
Ich muss nicht erklären, warum der Boden kalt ist.
Ich spüre ihn einfach.
Ich bin in Kontakt mit dem, was gerade da ist.
Vielleicht tragen wir nicht nur Schuhe an den Füßen
Schuhe sind praktisch.
Aber sie filtern.
Zwischen meinem Fuß und dem Boden liegt etwas.
Ich merke noch, dass ich gehe.
Aber längst nicht mehr alles, worüber ich gehe.
Vielleicht machen wir mit Erfahrungen manchmal etwas Ähnliches.
Nur tragen wir dann keine Schuhe.
Wir tragen Erklärungen.
Etwas passiert.
Ein Mensch enttäuscht uns.
Eine Beziehung zerbricht.
Etwas gelingt nicht.
Wir verlieren etwas.
Und ziemlich schnell beginnt es im Kopf:
Warum ist das passiert?
Wozu ist das passiert?
Was soll ich daraus lernen?
Was will mir das Leben damit zeigen?
Solche Fragen können helfen.
Sie können ordnen.
Sie können trösten.
Sie können später sogar eine neue Perspektive eröffnen.
Nur können wir mit der Erklärung so schnell sein, dass wir etwas überspringen:
die Erfahrung selbst.
Was macht das mit mir?
Vielleicht brauche ich nach einer Enttäuschung nicht sofort eine Lektion.
Vielleicht bin ich erst einmal traurig.
Oder wütend.
Oder erleichtert.
Vielleicht merke ich, wie viel Hoffnung ich in etwas gelegt hatte.
Vielleicht weiß ich noch überhaupt nicht, was das alles für mich bedeutet.
Dann wäre die erste Frage nicht:
Warum musste das passieren?
Sondern:
Was macht das mit mir?
Damit bleibe ich bei etwas, das ich tatsächlich wahrnehmen kann.
Bei meinem Erleben.
Ich muss noch nicht wissen, warum etwas geschehen ist.
Ich muss noch nicht wissen, wozu es gut war.
Ich darf erst einmal merken, dass es überhaupt etwas mit mir macht.
Sinn geben ist nicht dasselbe wie: Es musste so kommen
Natürlich können Erfahrungen Bedeutung bekommen.
Manchmal schauen wir später zurück und sagen:
Dadurch habe ich etwas verstanden.
Seitdem treffe ich andere Entscheidungen.
Das hat mir gezeigt, was mir wichtig ist.
Das kann stimmig sein.
Aber daraus folgt noch nicht:
„Deshalb musste es passieren.“
Ich kann einer Erfahrung Sinn geben.
Das bedeutet nicht, dass dieser Sinn schon im Ereignis verborgen lag und nur darauf wartete, von mir entdeckt zu werden.
Dieser Unterschied scheint klein.
Für meine Freiheit ist er ziemlich groß.
Denn wenn bereits feststeht, wozu ein Ereignis geschehen ist, gibt es auch eine richtige Lektion, die ich daraus ziehen soll.
Wenn seine Bedeutung dagegen offenbleibt, darf ich selbst antworten.
Ich darf lernen.
Ich darf mich verändern.
Ich darf eine Grenze ziehen.
Ich darf sagen:
Das möchte ich nie wieder.
Ich darf sogar etwas Gutes daraus entstehen lassen, ohne deshalb behaupten zu müssen, dass das Schlechte notwendig war.
Nicht jedes Leid braucht einen verborgenen Zweck, damit etwas daraus entstehen darf.
Mit Erfahrungen barfuß gehen
Vielleicht gefällt mir deshalb das Bild des Barfußgehens.
Der Fuß fragt den Boden nicht zuerst:
Warum bist du so kalt?
Er spürt ihn.
Er reagiert.
Und daraus entsteht der nächste Schritt.
Vielleicht könnten wir unseren Erfahrungen manchmal ähnlich begegnen.
Mit etwas weniger Erklärung zwischen uns und dem, was gerade da ist.
Nicht sofort:
Warum?
Nicht sofort:
Wozu?
Nicht sofort:
Was soll mir das zeigen?
Sondern zunächst:
Was macht das mit mir?
Vielleicht entsteht später eine Bedeutung daraus.
Vielleicht sogar etwas, das wir Sinn nennen.
Aber dieser Sinn muss nicht schon im Ereignis versteckt gewesen sein.
Ich kann einer Erfahrung Bedeutung geben, ohne behaupten zu müssen, dass sie deshalb geschehen ist.
Vielleicht braucht mehr Erleben deshalb gar nicht mehr Erklärung.
Manchmal braucht es nur etwas weniger zwischen uns und dem Boden.