Warum Kontrolle oft Angst schützt

von Markus Bodenmüller

Jemand erzählt etwas.

Und statt wirklich zuzuhören,
kommt fast sofort ein Rat.

Ein Vorschlag.
Eine Lösung.
Eine Einordnung.

Natürlich ist nicht jeder Rat Kontrolle.

Manchmal ist ein Rat hilfreich.
Manchmal ist ein Vorschlag willkommen.
Manchmal braucht ein Mensch wirklich
eine klare Idee von außen.

Aber wenn ein Rat zu schnell kommt,
bevor überhaupt Kontakt entstanden ist,
kann er etwas anderes werden.

Dann ist er vielleicht nicht nur Hilfe.
Sondern ein Versuch,
Unsicherheit nicht spüren zu müssen.

Von außen wirkt das schnell wie Kontrolle.

Als müsste der andere sofort etwas tun.
Etwas ändern.
Etwas richtig machen.

Als dürfte das, was gerade da ist,
nicht einfach einen Moment lang da sein.

Aber Kontrolle ist oft nicht nur
der Wunsch nach Sicherheit.

Manchmal ist sie auch Bindungsschutz.

Eine Überlebensstrategie.
Eine gelernte Anpassung.
Ein alter Versuch,
Beziehung nicht zu verlieren.

Hinter dem Impuls,
sofort etwas zu sagen,
etwas zu lösen,
etwas richtig zu machen,
steht nicht selten ein alter Satz:

„Ich verliere dich nicht.“

Vielleicht wurde früher Nähe unsicher,
wenn etwas offen blieb.

Vielleicht wurde Spannung gefährlich,
wenn niemand wusste,
was jetzt passiert.

Vielleicht musste ein Mensch schnell reagieren,
schnell beschwichtigen,
schnell ordnen,
schnell hilfreich sein,
damit Beziehung nicht kippte.

Dann ist der Ratschlag
nicht nur ein Ratschlag.

Sondern der Versuch,
Beziehung zu sichern.

Was von außen eng wirkt,
war von innen vielleicht einmal
überlebenswichtig.

Und genau dort
wird Kontrolle menschlich.

Nicht harmlos.
Aber verstehbar.

Denn natürlich kann Kontrolle verletzen.

Sie kann dem anderen das Gefühl geben,
nicht wirklich gehört zu werden.

Sie kann Nähe eng machen.
Sie kann Gespräche verkürzen.
Sie kann aus einem offenen Moment
ein kleines Reparaturprojekt machen.

Und dann geht der Kontakt verloren.

Nicht unbedingt,
weil jemand nicht lieben kann.

Sondern weil er zu schnell sichern muss.

Vielleicht ist genau das der Punkt:

Kontrolle fühlt sich oft an wie Stärke.

Wie Überblick.
Wie Kompetenz.
Wie:

„Ich weiß, was zu tun ist.“

Doch manchmal ist sie nur ein Versuch,
das Erleben zu umgehen.

Nicht, weil etwas falsch läuft.

Sondern weil es gerade zu viel ist,
wirklich zu spüren,
was da passiert.

Die Unsicherheit.
Die Hilflosigkeit.
Die Angst, nicht zu genügen.
Die Sorge, den anderen zu verlieren.

Und so verlieren wir mit jeder Kontrolle
ein Stück Kontakt.

Nicht nur zum anderen.

Auch zu uns selbst.

Vielleicht geht es deshalb nicht darum,
sich einfach vorzunehmen,
weniger zu kontrollieren.

Vielleicht geht es darum,
länger im Erleben bleiben zu können.

Einen Moment nicht zu lösen.
Nicht zu retten.
Nicht zu ordnen.

Sondern wahrzunehmen:

Was macht das gerade mit mir?

Warum wird es in mir eng?

Wovor will mich dieser Impuls schützen?

Und vielleicht beginnt dort
eine andere Form von Nähe.

Nicht die Nähe,
die festhält.

Sondern die Nähe,
die atmen darf.

Eine Nähe,
in der nicht sofort alles repariert werden muss,
damit Beziehung bleibt.

Manchmal ist der wichtigste Satz dann nicht:

„Ich weiß, was du tun solltest.“

Sondern:

„Ich bin da.
Ich höre dich.

Und ich muss dich nicht sofort retten,
um die Verbindung nicht zu verlieren.“

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