Was verteidigen wir eigentlich?

von Markus Bodenmüller

Heute beginne ich nicht mit einer These.
Sondern mit einem Geräusch.

Ein Militärjet kreiste über der Stadt.

Ob Eurofighter oder Tornado —
für den Körper machte das keinen Unterschied.

Tief.
Laut.
Wieder und wieder.

So laut, dass nicht nur die Fenster vibrierten,
sondern auch etwas im Körper.

Noch bevor eine Meinung entsteht,
ist da eine Reaktion.

Ein Zusammenzucken.
Ein Druck im Brustraum.
Ein kurzer innerer Alarm.

Der Körper fragt nicht zuerst,
ob es eine Übung ist.
Ob es genehmigt wurde.
Ob es strategisch sinnvoll ist.

Der Körper hört nur:

Gefahr.

Und vielleicht beginnt genau dort
eine größere Frage.

Was nennen wir eigentlich Sicherheit?

Nur das,
was Grenzen schützt?

Nur das,
was im Ernstfall antworten kann?

Nur das,
was laut genug ist,
um abschreckend zu wirken?

Oder gehört zur Sicherheit auch das,
was Menschen innerlich hält?

Eine Schule,
in der Kinder nicht nur verwaltet werden.

Eine Pflege,
in der Menschen nicht nur versorgt,
sondern gesehen werden.

Ein Gesundheitswesen,
in dem Hilfe nicht erst dann beginnt,
wenn jemand längst zusammengebrochen ist.

Städte,
in denen Ruhe nicht Luxus ist.

Familien,
die nicht nur funktionieren.

Menschen,
die nicht dauernd über ihre Grenzen leben müssen.

Ich weiß,
dass ein Land sich schützen können muss.

Vielleicht gibt es Zeiten,
in denen Schutz nach außen
größer gedacht werden muss.

Aber wenn Schutz nach außen riesig wird
und das Lebendige im Inneren
kaum noch Raum bekommt,

dann stimmt etwas nicht.

Dann wird Sicherheit ein enges Wort.

Und während der Himmel noch nachdröhnt,
merkt man:

Es geht nicht nur um ein Flugzeug.

Es geht um die Frage,
welche Art von Sicherheit wir gelernt haben,
ernst zu nehmen.

Vielleicht schützt ein Land dann seine Grenzen,
aber verliert den Kontakt zu dem,
was innerhalb dieser Grenzen leben soll.

Denn was verteidigen wir eigentlich,
wenn Menschen innerlich ausbrennen?

Was verteidigen wir,
wenn Kinder in überforderten Schulen sitzen?

Was verteidigen wir,
wenn ein ganzes Land funktioniert,
aber kaum noch atmet?

Ein Land kann Flugzeuge haben.
Kasernen.
Strategien.
Pläne.
Abwehrsysteme.

Und trotzdem kann es an etwas anderem arm werden.

An Ruhe.
An Beziehung.
An Fürsorge.
An Vertrauen.
An innerem Halt.

Vielleicht müsste Sicherheit wieder größer gedacht werden.

Nicht nur als Fähigkeit,
auf Angriff zu reagieren.

Sondern als Fähigkeit,
Leben zu bewahren.

Außen.
Und innen.

Denn ein Land kann theoretisch verteidigungsfähig sein —
und innerlich trotzdem verarmen.

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