Was wie Selbstsabotage aussieht, ist oft Schutz
von Markus Bodenmüller
Manche Menschen merken sehr genau,
was ihnen nicht guttut —
und gehen doch immer wieder dorthin zurück.
Sie erkennen Muster,
verstehen Zusammenhänge,
sehen vielleicht längst,
was sich ändern müsste.
Und trotzdem geschieht oft
nicht das, was ihnen guttun würde.
Von außen wirkt das schnell
wie Selbstsabotage.
Wie innerer Widerstand.
Wie: „Du willst wohl doch nicht wirklich heilen.“
Aber so einfach ist es nicht.
Denn im Heilungsprozess begegnen wir
nicht nur dem, was wehgetan hat.
Wir begegnen oft auch dem,
was uns einmal geschützt hat.
Und genau dort
beginnt die eigentliche Spannung.
Ein Teil in uns will freier werden.
Will verstehen.
Will fühlen.
Will loslassen.
Will heil werden.
Und ein anderer Teil sagt:
Nicht zu schnell.
Nicht zu tief.
Nicht zu viel.
Nicht, weil er gegen Heilung ist.
Sondern weil er Angst hat,
dass etwas uns überfordert,
beschämt,
verlassen
oder innerlich aus der Bahn wirft.
Darum ist das,
was wie ein Hindernis aussieht,
oft nicht einfach Schwäche.
Es ist häufig eine alte Form von Schutz.
Vielleicht war Rückzug einmal Schutz.
Vielleicht war Kontrolle einmal Sicherheit.
Vielleicht war Anpassung einmal
der Preis für Zugehörigkeit.
Vielleicht war Funktionieren
einmal die einzige Möglichkeit,
nicht unterzugehen.
Dann ist das,
was heute im Weg steht,
nicht grundlos da.
Es folgt oft noch immer
einer älteren inneren Logik.
Man will Grenzen setzen —
und wird im entscheidenden Moment
doch wieder weich.
Man will loslassen —
und hält am Vertrauten fest,
obwohl es schmerzt.
Man will Hilfe annehmen —
und misstraut genau dem,
was guttun könnte.
Das wirkt widersprüchlich.
Aber oft ist es das nicht.
Oft ist es nur ein älterer Teil in uns,
der noch immer nach Regeln lebt,
die einmal notwendig waren.
Und genau das macht Heilung
so anspruchsvoll.
Denn Heilung heißt nicht nur,
dass Schmerz weniger wird.
Heilung heißt oft auch,
dass alte Schutzformen
nicht mehr dieselbe Macht behalten.
Und das kann Angst machen.
Weil etwas in uns glaubt:
Wenn ich die Kontrolle aufgebe,
bin ich schutzlos.
Wenn ich das wirklich fühle,
geht es mit mir durch.
Wenn ich mich wirklich verändere,
verliere ich vielleicht Menschen.
Wenn ich heile,
kann ich nicht mehr so weiterleben
wie bisher.
Darum stehen wir uns
im Heilungsprozess
nicht immer aus Unwillen im Weg.
Manchmal stehen wir dort,
weil ein älterer Teil in uns
noch immer verhindern will,
dass wir erneut verletzt werden.
Das verändert den Blick.
Es macht das Ganze weicher.
Würdiger.
Wahrhaftiger.
Dann geht es nicht mehr nur um die Frage:
Warum mache ich das immer wieder?Sondern vielleicht eher um diese:
Was in mir versucht gerade,
mich zu schützen?
Und wovor hätte Heilung
möglicherweise Folgen?
Denn auch das gehört dazu:
Heilung ist nicht nur ein Gewinn.
Sie hat manchmal einen Preis.
Man wird klarer.
Man spürt deutlicher.
Man kann manches nicht mehr schönreden.
Man merkt,
wo man sich verlassen hat.
Wo man sich angepasst hat.
Wo man zu lange geblieben ist.
Wo man getragen hat,
was nie die eigene Aufgabe war.
Und genau deshalb
ist Heilung nicht nur Licht.
Sie ist manchmal auch Abschied.
Abschied von alten Rollen.
Abschied von vertrauten Schutzmustern.
Abschied von einem Leben,
das vielleicht lange funktioniert hat,
aber nicht wirklich stimmig war.
Das ist nicht leicht.
Und vielleicht stehen wir uns
genau deshalb manchmal selbst im Weg.
Nicht, weil wir nicht heilen wollen.
Sondern weil etwas in uns
noch nicht sicher ist,
ob die Veränderung wirklich
getragen werden kann.
Vielleicht beginnt Heilung also
nicht dort,
wo wir uns antreiben.
Sondern dort,
wo wir verstehen,
dass selbst der Widerstand
eine Geschichte hat.
Und vielleicht ist genau das
ein würdigerer Anfang:
sich nicht sofort zu bekämpfen,
wenn man stockt.
Sondern zu fragen,
was in einem noch Angst hat.
Denn nicht alles,
was uns im Weg steht,
ist gegen uns.
Manches davon hat uns einmal
durchs Leben gebracht.
Und manches darf erst weich werden,
bevor es gehen kann.