Wenn das eigene Erleben kaum noch vorkommt
von Markus Bodenmüller
Manche Menschen haben längst gelernt, bestimmte Bereiche von sich kaum noch wahrzunehmen.
Das eigene Nein.
Ärger.
Bedürfnisse.
Überforderung.
Wünsche.
Körperempfindungen.
Vielleicht sogar die einfache Frage:
Was will ich eigentlich?
Nicht vollständig.
Man „verlässt“ ja nicht sein ganzes Selbst.
Aber Teile des eigenen Erlebens kommen im inneren Raum kaum noch vor.
Und das Schwierige daran ist:
Das kann sich völlig normal anfühlen.
Jemand sagt sofort Ja und erlebt das nicht als Selbstverlassen.
Jemand lächelt, obwohl etwas weh tut.
Jemand erklärt den anderen, statt zu merken, dass er selbst gerade verletzt ist.
Jemand sucht nach der richtigen Antwort und bemerkt gar nicht mehr, dass in ihm längst eine Antwort da wäre.
Manchmal wird durchaus etwas wahrgenommen.
Nur bleibt es nicht lange stehen.
Eigentlich will ich nicht.
Und sofort kommt:
Aber das wäre egoistisch.
Das hat mich verletzt.
Er hat es bestimmt nicht so gemeint.
Irgendetwas stimmt hier für mich nicht.
Wahrscheinlich übertreibe ich.
Das eigene Erleben verschwindet also nicht unbedingt.
Es wird nur sehr schnell eingeordnet, relativiert oder überschrieben.
Oft war genau das einmal sinnvoll.
Es half vielleicht, dazuzugehören, Konflikte zu vermeiden, Erwartungen zu erfüllen oder einfach weiterzumachen.
Was einmal geholfen hat, kann irgendwann so selbstverständlich werden, dass wir es gar nicht mehr als Anpassung erleben.
Vielleicht ist Selbstverlassenheit deshalb nicht immer der Moment, in dem wir nichts mehr spüren.
Manchmal beginnt sie dort, wo das Gespürte keinen eigenen Platz mehr bekommt.
Wo ein Nein sofort einen guten Grund braucht.
Wo die eigene Wahrnehmung erst geprüft werden muss, bevor sie überhaupt gelten darf.
Und irgendwann lautet die Frage nicht mehr:
Was geschieht gerade in mir?
Sondern:
Was wäre jetzt angemessen?
Was sollte ich sagen?
Wie bleibt alles in Ordnung?
Vielleicht beginnt der Weg zurück deshalb nicht damit, sofort anders zu handeln.
Vielleicht beginnt er viel unscheinbarer:
Damit, etwas in sich einen Moment lang stehen zu lassen.
Ohne es gleich zu erklären.
Ohne es zu korrigieren.
Ohne zu entscheiden, ob es berechtigt ist.
Einfach nur:
Das ist gerade auch da.
Denn manchmal müssen wir uns selbst nicht erst finden.
Manches von uns war die ganze Zeit da.
Es kam nur lange nicht mehr vor.