Wenn die Wut das Gespräch führt

von Markus Bodenmüller

Manchmal wollen wir jemandem einfach die Meinung sagen.

Dem Chef.
Dem Partner.
Der Kollegin.

Vielleicht hat jemand etwas gesagt, das uns getroffen hat.
Eine Grenze wurde überschritten.
Wir fühlen uns nicht gesehen, nicht ernst genommen oder unfair behandelt.

Und dann steigt etwas in uns hoch.
„Jetzt sage ich ihm mal, was ich von ihm halte.“

Manchmal tun wir genau das.

Und manchmal bereuen wir später nicht einmal, 
dass wir etwas gesagt haben.
Sondern eher, 
wie es aus uns herausgekommen ist.

Denn die Wut selbst war vielleicht gar nicht das Problem.
Vielleicht war tatsächlich etwas nicht in Ordnung.
Vielleicht musste eine Grenze sichtbar werden.
Vielleicht war es längst Zeit, etwas anzusprechen.

Nur gab es zwischen dem, was in uns hochkam,
und unserem nächsten Satz kaum noch einen Zwischenraum.

Die Wut muss nicht weg

Wir versuchen erstaunlich oft,
unangenehme Gefühle möglichst schnell loszuwerden.

Nicht so wütend sein.
Nicht so verletzt sein.
Nicht so empfindlich reagieren.

Dabei kann gerade die Wut etwas Wichtiges anzeigen.
Hier stimmt etwas für mich nicht.

Die Verletzung kann zeigen:
Das hat mich erreicht.

Die Enttäuschung:
Da war mir etwas wichtig.

Auch der Impuls, dem anderen etwas zurückzugeben,
gehört zunächst zu dem, was gerade in mir geschieht.

Die Frage ist deshalb vielleicht nicht:
Wie werde ich diese Emotion los?

Sondern:
Was geschieht, wenn ich ihr einen Moment zuhöre, bevor mein nächster Satz entsteht?

Ein kleiner Zwischenraum

Nehmen wir an, der Chef macht vor anderen eine abwertende Bemerkung.

In mir schießt sofort hoch:
„Was für ein Arsch.“
Vielleicht möchte ich ihm noch im selben Moment die Meinung sagen.

Nun könnte ich einen Moment zwischen diesen Impuls und meinen nächsten Satz legen.
Nicht um mich zu beruhigen, damit ich anschließend wieder alles hinnehme.
Und auch nicht, um aus meinem Ärger einen besonders höflichen Satz zu basteln.
Sondern um zunächst wahrzunehmen, was eigentlich in mir geschieht.

Was macht das mit mir?
Ich werde wütend.
Es trifft mich.
Vielleicht merke ich, wie mir das Gesicht heiß wird.
Vielleicht würde ich am liebsten sofort zurückschlagen.

Was ist mir daran wichtig?
Ich möchte respektvoll behandelt werden.
Ich möchte nicht vor anderen herabgesetzt werden.

Was wäre für mich stimmig?
Vielleicht:
Ich möchte meinen Ärger ernst nehmen, ohne den anderen abzuwerten.
Ich möchte mich klar abgrenzen.
Ich möchte nicht so tun, als wäre nichts gewesen.

Und erst dann stellt sich die Frage:
Was könnte ein nächster Schritt sein?

Vielleicht spreche ich meinen Chef später darauf an.
Vielleicht sage ich sofort etwas.
Vielleicht brauche ich zunächst Abstand.

Und wenn mein nächster Schritt tatsächlich ein Gespräch ist, könnte ich mich fragen:
Was davon möchte ich jetzt zwischen uns hörbar machen?

Vielleicht lautet mein Satz:
„Was Sie gerade gesagt haben, war für mich nicht in Ordnung. Ich möchte nicht, dass Sie so mit mir sprechen – besonders nicht vor anderen.“

Vielleicht aber auch einfach:
„So möchte ich nicht angesprochen werden.“

Oder:
„Ich bin gerade richtig wütend. Ich möchte das später mit Ihnen klären.“

Die Wut ist damit nicht verschwunden.
Aber sie muss nicht mehr allein bestimmen, was als Nächstes geschieht.

Es geht nicht um schönere Sätze

WoG könnte leicht so verstanden werden:
Erst kommt der unschöne Satz.
Dann woggt man ein bisschen.
Und anschließend sagt man dasselbe freundlich und pädagogisch wertvoll.

Darum geht es nicht.

Manchmal führt das Woggen gerade dazu, dass ein Satz deutlicher wird.
Ein Nein wird klarer.
Eine Grenze sichtbarer.
Eine Kritik konkreter.
Vielleicht sage ich nach dem Woggen tatsächlich meine Meinung.
Vielleicht bin ich dabei weiterhin wütend.
Vielleicht klingt mein Satz sogar kantig.

Aber er entsteht nicht mehr ganz so unmittelbar aus dem ersten Impuls.

Aus:
„Du bist ein Arsch.“
kann werden:
„So möchte ich nicht behandelt werden.“

Aus:
„Du interessierst dich einen Scheiß für mich.“
vielleicht:
„Mich hat getroffen, dass du gestern aufs Handy geschaut hast, während ich dir erzählt habe, wie es mir geht.“

Aus:
„Dann mach deinen Kram doch alleine.“
vielleicht:
„Das möchte ich so nicht weiter mittragen.“

Nicht jeder dieser Sätze ist weich.
Das muss er auch nicht sein.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied

Eine Emotion kann sehr schnell sein.
Etwas geschieht.
Es trifft uns.
Ein Gedanke schießt hoch.
Ein Satz liegt schon auf der Zunge.

WoG versucht nicht, die Emotion zu beseitigen.
Es schafft lediglich die Möglichkeit eines kleinen Zwischenraums.

Was macht das gerade mit mir?
Was ist mir daran wichtig?
Was wäre für mich stimmig?
Und was könnte von dort aus ein nächster Schritt sein?

Vielleicht entsteht darin etwas, das vorher noch nicht da war:
eine innere Richtung.
Eine Haltung.
Nicht gegen die Wut.
Sondern mit dem Wissen darum, was sie in uns berührt hat.

Und vielleicht braucht es dafür manchmal gar nicht viel Zeit.
Nur einen Moment, in dem nicht schon der erste Impuls entscheiden muss,
welcher Satz als Nächstes in die Welt kommt.

Die Wut darf da sein.
Sie darf sogar hörbar sein.
Sie muss nur nicht allein das Gespräch führen.


WoG · Würdeorientierte Gesprächsführung

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