Wenn Nähe unsicher wird
von Markus Bodenmüller
In diesem Text geht es um Schutzmuster.
Über Rückzug.
Über Anpassung.
Über Erklären.
Über Kontrolle.
Über Funktionieren.
Und über die Möglichkeit, dass manche dieser Muster nicht entstehen, weil ein Mensch schwierig ist.
Sondern weil etwas in ihm gelernt hat:
Beziehung muss gesichert werden.
Manchmal beginnt ein Schutzmuster nicht dort, wo ein Mensch kalt, trotzig oder kompliziert wird.
Sondern dort, wo ein Mensch einmal sehr wach sein musste.
Es war einmal ein Kind, das stand vor einer Tür.
Hinter dieser Tür hörte es Stimmen.
Manchmal lachten sie.
Manchmal wurden sie laut.
Manchmal war es still auf eine Weise, die schlimmer war als Lärm.
Das Kind wollte hinein.
Nicht, weil es etwas Besonderes wollte.
Nur dazugehören.
Nur wissen:
Ich bin hier richtig.
Ich werde nicht gleich wieder zu viel sein.
Ich störe nicht.
Ich bin noch gemeint.
Also lernte es, sehr genau zu lauschen.
Wenn die Stimmen weich klangen, trat es näher.
Wenn eine Pause zu lang wurde, blieb es stehen.
Wenn jemand seufzte, machte es sich kleiner.
Wenn jemand streng wurde, erklärte es schnell, was es gemeint hatte.
Wenn niemand antwortete, zog es sich zurück, bevor es weggeschickt werden konnte.
Mit der Zeit wurde das Lauschen zu einer Kunst.
Das Kind merkte kaum noch, dass es lauschte.
Es merkte nur noch:
Nähe ist etwas, das man richtig machen muss.
Später wurde dieses Kind erwachsen.
Es stand nicht mehr vor derselben Tür.
Die Menschen waren andere.
Die Stimmen waren andere.
Der Raum war vielleicht sogar freundlich.
Aber etwas in ihm lauschte noch immer.
Ein Blick.
Ein Tonfall.
Eine verzögerte Antwort.
Eine kleine Veränderung im Gesicht des anderen.
Und schon begann die alte Bewegung.
Erklären.
Anpassen.
Kontrollieren.
Rückzug.
Stillwerden.
Funktionieren.
Nicht, weil dieser Mensch schwierig war.
Sondern weil etwas in ihm gelernt hatte:
Beziehung ist nicht einfach da.
Man muss sie sichern.
Vielleicht entstehen viele Schutzmuster genau dort.
Nicht an der Stelle, an der ein Mensch keine Beziehung will.
Sondern an der Stelle, an der Beziehung zu wichtig war, um sie zu riskieren.
Manche ziehen sich zurück, obwohl sie sich Verbindung wünschen.
Nicht aus Kälte.
Sondern weil Rückzug früher weniger wehgetan hat als Zurückweisung.
Manche erklären zu viel, obwohl sie eigentlich nur verstanden werden möchten.
Nicht aus Rechthaberei.
Sondern weil Erklären einmal der Versuch war, wieder sicher zu werden.
Manche passen sich an, obwohl innerlich längst ein Nein da ist.
Nicht, weil sie keinen eigenen Willen haben.
Sondern weil Zugehörigkeit früher vielleicht davon abhing, nicht zu stören.
Manche kontrollieren, obwohl sie Nähe suchen.
Nicht, weil sie hart sind.
Sondern weil Unsicherheit in ihnen so schnell unerträglich wird, dass Ordnung wie Rettung wirkt.
Und manche funktionieren.
Sie tun, was getan werden muss.
Sie bleiben vernünftig.
Sie halten aus.
Sie machen weiter.
Aber innerlich ist längst etwas nicht mehr da.
Ein Schutzmuster fragt nicht zuerst:
Was ist wahr?
Es fragt:
Bin ich sicher?
Bin ich noch gemeint?
Bleibt der andere da, wenn ich mich zeige?
Muss ich etwas leisten, halten, erklären oder vermeiden, damit Verbindung bleibt?
Deshalb hilft es oft wenig, sich für diese Muster zu verurteilen.
„Ich bin zu kompliziert.“
„Ich bin zu empfindlich.“
„Ich bin immer so.“
„Ich muss einfach anders reagieren.“
Vielleicht stimmt das nicht.
Vielleicht bist du nicht zu kompliziert.
Vielleicht ist nur etwas in dir sehr früh sehr wach geworden.
Vielleicht ist deine Reaktion nicht dein Charakter.
Vielleicht ist sie eine alte Schutzbewegung.
Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten gut ist.
Schutzmuster können verletzen.
Sie können Nähe verhindern.
Sie können andere Menschen müde machen.
Sie können Räume eng werden lassen, obwohl eigentlich Kontakt möglich wäre.
Aber sie werden selten weicher, wenn man sie beschimpft.
Sie werden beweglicher, wenn man beginnt, sie zu verstehen.
Nicht entschuldigen.
Nicht schönreden.
Nicht dramatisieren.
Verstehen.
Was versucht sich hier gerade zu schützen?
Diese Frage verändert etwas.
Sie nimmt dem Muster nicht seine Verantwortung.
Aber sie nimmt dem Menschen die Scham.
Und vielleicht beginnt genau dort ein anderer Weg.
Nicht mit dem großen Vorsatz:
Ich darf nie wieder so reagieren.
Sondern mit einem kleinen Moment von Wahrnehmung:
Ah.
Da zieht sich etwas zurück.
Ah.
Da will etwas erklären, bevor es sich schuldig fühlt.
Ah.
Da passt sich etwas an, um nicht allein zu sein.
Ah.
Da versucht etwas in mir, beziehungssicher zu bleiben.
Und dieser Moment ist nicht klein.
Denn zwischen Reaktion und Bewusstsein entsteht ein Spalt.
Nicht groß.
Nicht dramatisch.
Aber weit genug, um nicht ganz von gestern gesteuert zu werden.
Vielleicht braucht es am Anfang gar nicht mehr.
Nur diesen einen würdevollen Blick auf sich selbst:
Ich bin nicht falsch.
Ich bin nicht schwierig.
Ich bin nicht kaputt.
Etwas in mir hat gelernt, mich zu schützen.
Und jetzt darf ich langsam lernen,
dass Nähe nicht immer gefährlich ist.