Wenn Grenzen weich werden dürfen

von Markus Bodenmüller


Es gibt Momente,
in denen etwas in uns sagt:

„So nicht.“

Nicht wütend,
nicht kalt,
nicht abweisend.

Nur klar.

Doch für viele von uns
war Klarheit immer ein anderes Wort für Härte.
Oder für Streit.
Oder für Rückzug.

Wir haben gelernt,
dass Grenzen wehtun.
Entweder uns
oder dem anderen.

Dabei kann eine Grenze
etwas Erstaunliches sein:

Eine Form von Berührung,
die nicht zulässt,
dass man sich verliert.

Eine Grenze,
die nicht abtrennt,
sondern formt.

Ich habe lange geglaubt,
ich müsste „stärker“ werden,
um Grenzen zu setzen.
Doch je länger ich hinschaue,
desto klarer wird mir:

Grenzen entstehen nicht aus Stärke.
Sie entstehen aus Selbstrespekt.

Und Selbstrespekt
braucht keine Lautstärke.

Er braucht etwas anderes:


Eine innere Haltung,
die sagt:
„Ich verlasse mich nicht.“


Wenn ich diese Haltung finde,
verändert sich mein Ton.

Er wird nicht hart.
Er wird echt.

Der Atem bleibt weich,
die Schultern sinken,
die Hände greifen nicht,
die Stimme drängt nicht nach vorne.

Eine Grenze fühlt sich dann an wie:

  • ein sanfter, stabiler Atemzug
  • ein Rücken, der sich nicht krümmt
  • ein Satz, der ohne Schärfe fällt
  • eine Klarheit, die nicht verletzt
  • ein Raum, der sich schließt – aber nicht zuschlägt

Ich sage nicht:
„Du darfst das nicht.“

Ich sage:
„Ich nehme mich hier mit.“
oder
„So bleibt es für mich stimmig.“

Und erstaunlicherweise
verstehen Menschen das oft sofort.

Nicht, weil sie es gut finden.
Sondern weil sie spüren,
dass ich niemandem etwas antue –
ich achte nur darauf,
mich selbst nicht zu verlieren.

Vielleicht ist das
die sanfteste Form von Grenze:

Eine Linie,
die so weich ist,
dass sie niemanden beschämt –
und so klar,
dass sie niemand übertritt.

Eine Grenze,
die sagt:

„Ich bin bei mir.
Und genau deshalb
kann ich auch bei dir sein.“

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