Wenn Tiere uns eher hören als wir uns selbst

von Markus Bodenmüller


Es gibt Tiere,
die reagieren nicht auf Worte,
nicht auf Gesten,
nicht auf Befehle.

Aber sie reagieren auf etwas anderes:

Auf den Moment,
in dem wir innerlich aufhören,
etwas erreichen zu wollen.

Ich habe oft erlebt,
wie ein Hund sich abwendet,
wenn man ihn beruhigen will.
Oder wie eine Katze nervös wird,
wenn man sie „verstehen“ möchte.
Oder wie ein Pferd den Kopf hebt,
wenn eine Erwartung im Raum steht.

Es wirkt dann,
als würden Tiere nicht zuhören.
Doch das Gegenteil ist der Fall:

Sie hören so fein,
dass sie unsere inneren Bewegungen
manchmal früher spüren
als unsere Nähe.

Tiere reagieren auf das,
was Menschen selten bemerken:

  • einen Atemzug,
    der etwas will
  • eine Hand,
    die etwas erwartet
  • eine Stimme,
    die etwas befürchtet
  • eine Stimmung,
    die unruhig macht
  • eine innere Eile,
    die keinen Raum lässt

Wenn wir versuchen,
ein Tier „zu beruhigen“,
fühlt es vor allem,
dass wir unruhig sind.

Wenn wir versuchen,
Kontakt zu machen,
spürt es oft,
dass wir Kontakt brauchen.

Und genau dann
ziehen sich manche Tiere zurück.
Nicht aus Ablehnung,
sondern aus Überwältigung.

Doch es gibt einen Moment,
der alles verändert:

Den Augenblick,
in dem wir nichts mehr von ihnen wollen.

Wenn ich dann einatme,
ohne sie zu erreichen,
ohne sie zu beeinflussen,
ohne sie zu deuten,
verändert sich etwas im Raum.

Der Atem wird weich.
Die Schultern werden still.
Die Gedanken hören auf,
vorwegzunehmen.

Und plötzlich
dreht sich der Hund um.
Die Katze legt sich hin.
Das Pferd senkt den Kopf.

Nicht weil wir etwas getan haben,
sondern weil wir uns selbst beruhigt haben.

Tiere hören uns
lange bevor sie uns verstehen.

Sie folgen nicht unseren Worten,
sondern unserer inneren Bewegung.

Vielleicht ist das
die tiefste Form des Kontakts:

Nicht dass ein Tier auf uns reagiert,
sondern dass es uns vertraut,
weil wir aufgehört haben,
uns selbst zu verlieren.

Eine Nähe,
die nicht gemacht wird,
sondern entsteht.

Und vielleicht ist es genau das,
was Tiere uns lehren können:

Wie man anwesend bleibt,
ohne etwas zu wollen.

Wie man sieht,
ohne zu greifen.

Wie man liebt,
ohne zu überfordern.

Ein Atemzug,
der sagt:

„Ich bin hier.
Nur hier.
Das reicht.“

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