Wenn Würde ein Körpergefühl wird

von Markus Bodenmüller


Es gibt einen Moment,
in dem wir nicht größer werden
und nicht stärker
und nicht mutiger.

Wir werden einfach aufrechter.

Nicht als Geste,
nicht als Haltung,
nicht als Übung.

Sondern als etwas,
das aus dem Inneren kommt,
wie ein Atem,
der sich weigert, klein zu sein.

Ich habe lange geglaubt,
Würde sei ein Wort für etwas
moralisch Hochstehendes.
Eine Tugend.
Ein Prinzip.
Ein Ideal.

Doch je genauer ich hinschaue,
desto klarer wird mir:

Würde ist ein Körpergefühl.
Leise.
Unaufdringlich.
Beharrlich.

Es ist die Art,
wie der Atem sich hebt,
wenn wir uns selbst meinen.

Es ist die kleine Linie im Rücken,
die sagt:
„Hier bin ich.“

Es ist der Moment,
in dem wir nicht lauter werden,
sondern echt.

Würde ist nicht Stolz.
Nicht Distanz.
Nicht Überlegenheit.

Würde ist vielmehr
eine stille Weigerung,
sich zu verlassen.


Würde sagt nicht:
„Ich bin mehr wert.“
Sondern:
„Ich bleibe bei mir.“


Wenn ich in meiner Würde bin,
verändert sich etwas an meinem Atem.
Er wird nicht größer,
aber er bekommt Gewicht.
Nicht schwer,
sondern ankommend.

Die Schultern hören auf,
etwas zu tragen,
das nicht ihnen gehört.
Die Hände hören auf,
versöhnen oder retten zu wollen.
Der Blick hört auf,
sich zu erklären.

Und plötzlich entsteht in mir
ein Raum,
den niemand benutzen darf.

Nicht als Abwehr,
sondern als Selbstachtung.

Würde bedeutet nicht,
dass der andere falsch ist.
Es bedeutet,
dass ich mich nicht verliere,
wenn ich ihm begegne.

Und genau dadurch
wird Begegnung überhaupt möglich.

Vielleicht ist das
die eigentliche Kraft der Würde:

Sie schützt nicht vor Menschen –
sie schützt die Begegnung.

Sie macht nicht hart,
sie macht klar.
Sie trennt nicht,
sie ordnet.
Sie erhebt nicht,
sie erinnert.

Sie erinnert mich daran,
dass ich ein Innen habe,
das nicht verhandelbar ist.

Und vielleicht ist Würde genau das:

Ein Atemzug,
der sagt:
„Ich bin hier.
Ich bin ganz.“

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