Wenn Würde spricht
von Markus Bodenmüller
Es gibt Sätze,
die nicht aus dem Mund kommen,
sondern aus der Haltung.
Sie tragen nichts Schweres,
nichts Scharfes,
nichts Forderndes.
Und doch verändern sie den Raum,
in dem sie gesprochen werden.
Ich habe lange geglaubt,
ein gutes Gespräch basiert
auf Argumenten,
auf Klarheit,
auf Mut,
auf der richtigen Wortwahl.
Doch je länger ich hinsehe,
desto deutlicher spüre ich:
Ein Gespräch beginnt nicht mit Worten.
Es beginnt mit Würde.
Nicht der Würde,
die sich aufrichtet,
um recht zu haben.
Sondern der Würde,
die sich erinnert:
Ich verliere mich nicht,
nur weil ich mich öffne.
Wenn ich so spreche,
ändert sich mein Atem.
Er drückt nicht,
er hält nicht fest.
Er will nicht gewinnen.
Er bleibt weich,
und doch standhaft.
Er bleibt zart,
und doch eindeutig.
Und plötzlich wird ein Gespräch
zu etwas Seltenem:
Ein Ort,
an dem zwei Menschen sprechen,
ohne einander zu benutzen.
Würde im Gespräch heißt nicht:
„Ich habe Recht.“
Sondern:
„Ich bin bei mir.“
Wenn ich bei mir bleibe,
passiert etwas Erstaunliches:
- Ich höre zu,
ohne zu warten, dass der andere fertig wird. - Ich antworte,
ohne mich kleiner zu machen. - Ich sage Nein,
ohne jemanden zu verletzen. - Ich sage Ja,
ohne mich zu verkaufen. - Ich erkläre mich nicht,
um gemocht zu werden. - Ich werde nicht laut,
um gehört zu werden.
Würde ist die Kunst,
den anderen nicht zu verletzen –
und sich selbst auch nicht.
Sie macht weder scharf
noch schweigsam.
Sie lässt mich sprechen,
ohne zu greifen.
Und manchmal
ist ein würdiges Gespräch
nur ein einziger Satz:
„Ich kann dir zuhören,
ohne mich zu verlieren.“
Oder:
„Ich sage dir, was ich brauche,
ohne dich zu verbiegen.“
Vielleicht ist das
die tiefste Form von Dialog:
Nicht zwei Menschen,
die aneinander festhalten,
sondern zwei,
die sich begegnen,
ohne den anderen zu verbiegen.
Ein Gespräch,
das sagt:
„Ich sehe dich.
Und ich bleibe bei mir.“