Der Raum ohne Bedingungen
von Markus Bodenmüller
Es heißt, irgendwo in der Welt gäbe es einen Raum,
der niemandem gehört
und doch jeden erkennt,
der mit leeren Händen kommt.
Man findet ihn nicht,
wenn man ihn sucht.
Man stolpert hinein,
wie man in einen Gedanken fällt,
den man längst vergessen hatte.
Ein Mann wanderte eines Tages durch eine Straße,
die er nicht kannte
und die es vielleicht gar nicht gab.
Die Häuser standen dort wie Erinnerungen,
die zu müde geworden waren,
um noch jemandem nachzulaufen.
Zwischen zwei Häusern
schimmerte etwas –
kein Licht,
kein Schatten,
eher ein kleiner Goldstaub,
der sich benahm,
als hätte er eine eigene Absicht.
Der Mann folgte ihm,
ohne zu wissen,
dass man manchen Dingen nur folgen kann,
wenn man nichts von ihnen erwartet.
Der Goldstaub schwebte zu einer Tür,
die aussah,
als sei sie aus dem Holz eines Baumes gebaut,
der nie gefällt worden war.
Sie stand nicht offen,
und sie war nicht geschlossen.
Sie war einfach bereit.
Der Mann legte die Hand auf den Griff.
In diesem Augenblick
hörten die Geräusche der Welt auf,
sich für ihn zu interessieren.
Die Tür öffnete sich –
nicht weit,
aber tief.
Ein stiller Atem schien ihm entgegenzukommen,
warm wie der Schlaf eines Tieres,
das weiß, dass es sicher ist.
Der Raum dahinter war merkwürdig leer,
aber nicht arm.
Sein Boden schimmerte matt,
als habe irgendwo im Holz
ein vergessener Stern geschlafen.
In einer Ecke stand ein Stuhl,
der nichts von ihm wollte.
Und an der Wand hing ein Faden aus Licht,
der so tat,
als sei er nur ein Riss im Schatten.
Der Mann trat ein.
Der Raum bewegte sich nicht.
Nicht einmal das Staubkorn im Lichtstrahl
zuckte vor Erwartung.
Es war ein Raum,
der keine Bedingungen stellte.
Weder an seine Dinge
noch an die Menschen,
die ihn betraten.
Er wartete auf niemanden
und hielt niemanden fest.
Der Mann setzte sich,
und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit
hörte er auf,
sich selbst zu überwachen.
Da geschah etwas Seltsames:
Der Lichtfaden an der Wand
blinkte einmal auf –
so kurz,
dass er es beinahe für Einbildung gehalten hätte.
Doch in diesem kleinen Aufblitzen
lag ein ganzer Satz,
den der Raum nicht sprach
und den der Mann trotzdem verstand:
„Du musst hier nichts sein.“
Das war alles.
Und es war genug.
Der Mann blieb eine Weile,
ohne die Zeit zu berühren.
Als er wieder ging,
folgte ihm ein winziges Körnchen Goldstaub –
nicht, um ihn zu führen,
sondern um ihn daran zu erinnern:
Die Tür zu diesem Raum
öffnet sich immer dann,
wenn man endlich aufhört,
sich erklären zu wollen.
Und wer einmal dort war,
trägt ein leises Funkeln mit sich,
das niemand sieht,
aber jeder spürt,
der selbst schon lange
nach einem Ort sucht,
an dem er nichts muss.
✦ Nachklang
Vielleicht ist Würde genau das:
ein Ort in uns, der nichts fordert.
Und wer ihn einmal betritt,
trägt ein leises Funkeln weiter.