Dieses Jahr ohne Bedingung

von Markus Bodenmüller


Es gibt eine alte Entscheidung,
die viele von uns früh getroffen haben.

Sie lautet:
Wenn es allen gut geht,
dann geht es mir auch gut.

Sie wurde selten ausgesprochen.
Meist entstand sie leise.
Aus Aufmerksamkeit.
Aus Anpassung.
Aus dem Wunsch,
niemandem zur Last zu fallen.

Diese Entscheidung ist nicht falsch.
Sie war klug.
Sie hat funktioniert.
Sie hat getragen.

Aber sie sitzt oft tiefer,
als wir denken.

Nicht im Kopf.
Sondern im Körper.
Im Atem.
In der Art,
wie wir wach werden,
wenn andere unruhig sind.

Man lernt zu warten.
Zu spüren.
Zu regulieren.
Sich selbst zurückzunehmen,
bis das Feld ruhig ist.

Und manchmal trägt man diese Entscheidung
weit ins Erwachsenenleben.

Man sorgt.
Man hält.
Man bleibt aufmerksam.
Und merkt irgendwann:
Das eigene Wohl
hat immer eine Bedingung.

Vielleicht kommt dann ein anderer Satz ins Blickfeld.
Kein Gegenentwurf.
Keine Rebellion.

Nur eine leise Verschiebung.

Wenn es mir gut geht,
darf es auch den anderen gut gehen.

Dieser Satz ist ungewohnt.
Er fühlt sich manchmal falsch an.
Wie Egoismus.
Wie ein Bruch mit etwas Altem.

Doch eigentlich
ist er eine Rückgabe.

Ich muss nicht mehr der Puffer sein.
Nicht mehr die Vorbedingung.
Nicht mehr der stille Vertrag.

Es darf mir gut gehen,
ohne dass vorher alle anderen sicher sind.

Das bedeutet nicht,
dass mir die anderen egal werden.
Im Gegenteil.

Es bedeutet,
dass mein Wohl
nicht mehr vom Zustand der Welt abhängt.

Vielleicht ist das kein neuer Entschluss,
sondern ein Umlernen.

Der gleiche Satz.
Nur von innen gesprochen.

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