Vielleicht ist Echtheit kein Zuhause
von Markus Bodenmüller
Ein Mann stand jeden Morgen vor seinem Kleiderschrank.
Nicht lange.
Er griff nach dem, was heute passte.
Eines Tages fragte ihn jemand:
„Was ist dein Stil?“
Der Mann sah auf sein Hemd,
auf seine Jacke,
auf seine Schuhe
und sagte nach einer Weile:
„Keine Ahnung.
Gestern war es ein anderer.“
Der andere runzelte die Stirn.
„Aber irgendetwas musst du doch sein.“
Der Mann lächelte.
„Ja“, sagte er.
„Anwesend.“
Drei Begriffe, die oft durcheinandergeraten
Wir sprechen viel über Authentizität,
über Wahrheit,
über Identität.
Und oft tun wir so,
als meinten wir damit dasselbe.
Tun wir nicht.
Authentizität
Was fühlt sich jetzt echt an?
Authentizität gehört zum Moment.
Sie ist ehrlich, unmittelbar, lebendig.
Sie sagt:
So fühlt es sich gerade an.
Und genau darin liegt ihre Schönheit –
und ihre Vergänglichkeit.
Was sich heute echt anfühlt,
kann morgen schon zu eng sein.
Authentizität ist kein Versprechen.
Sie ist eine Momentaufnahme.
Wahrheit
Was trägt über Zeit hinweg?
Wahrheit ist leiser.
Sie ruft nicht.
Sie bleibt.
Man erkennt sie nicht daran,
dass sie betont wird,
sondern daran,
dass sie Raum lässt.
Identität
Was glaube ich, zu sein?
Identität ist eine Geschichte.
Manchmal eine hilfreiche.
Manchmal eine enge.
Sie sagt:
So bin ich.
Und was einmal gesagt wurde,
will gehalten werden.
Wiederholt.
Verteidigt.
Identität gibt Halt.
Und nimmt Bewegung.
Ein leiser Nachklang
Vielleicht ist das Problem nicht,
dass wir uns verändern.Vielleicht ist es,
dass wir zu früh entscheiden,
wer wir sind.
Vielleicht braucht es weniger Antworten
auf die Frage:
Wer bin ich?
Und vielleicht mehr Aufmerksamkeit für die leisere Frage:
Stimmt das noch?
Nicht als Prinzip.
Nicht als Haltung.
Nur jetzt.