Wenn der Atem zuhört
von Markus Bodenmüller
Es gibt Atemzüge,
die nicht kommen,
um Luft zu holen.
Sie kommen, um etwas zu hören.
Nicht mit den Ohren,
und auch nicht mit dem Kopf.
Sondern mit dem Raum,
der sich hebt und senkt,
ohne dass wir ihn machen.
Ich habe lange geglaubt,
Atem sei etwas,
das ich führen muss.
Vertiefen, lenken, beruhigen, regulieren.
Doch immer, wenn ich das versuchte,
wurde der Atem kleiner.
Als würde er sich ducken,
um dem Druck auszuweichen.
Bis ich irgendwann merkte:
Der Atem braucht meine Führung nicht.
Er braucht mich – aber ohne mein Wollen.
Wenn ich mich zurücknehme,
nicht aus Desinteresse,
sondern aus Hingabe,
wird der Atem nicht schwächer.
Er wird wahr.
Dann beginnt er,
mir Dinge zu zeigen,
die vorher zu leise waren:
ein Ziehen im Brustbein,
ein Gewicht im Bauch,
ein Warten im Rücken,
ein Nachklang im Hals.
Der Atem hat eine merkwürdige Art,
Wahrheiten an Stellen zu legen,
an denen wir sie niemals suchen würden.
Und wenn ich ihm zuhöre,
ohne ihn zu zwingen,
ohne ihn zu deuten,
ohne ihn zu benutzen,
passiert etwas Seltenes:
Ich verliere mich nicht im Körper.
Ich finde mich darin.
Nicht, weil ich etwas verstanden habe.
Sondern weil etwas in mir
aufgehört hat, verstanden werden zu wollen.
Vielleicht ist das die eigentliche Wirkung des Atems:
Nicht, dass er beruhigt.
Nicht, dass er zentriert.
Nicht, dass er entspannt.
Sondern dass er einen Raum öffnet,
in dem ich nichts mehr beantworten muss.
Ein Innenraum,
der atmet,
weil ich ihm nicht dazwischengehe.
Und vielleicht ist genau das
der Beginn jeder Begegnung:
Ein Atemzug,
der sagt:
„Ich bin da.
Ich höre zu.“