Ein langsamer Gedankengang

Viele Menschen kommen nicht auf die Welt
mit dem Wunsch nach Standards.

Sie entwickeln ihn.

Nicht, weil sie oberflächlich sind.
Sondern weil etwas anderes
zu früh zu unsicher war.

Wer nicht gelernt hat,
inneren Regungen zu trauen,
lernt, äußeren Formen zu vertrauen.

Formen sind zuverlässig.
Sie widersprechen nicht.
Sie geben Halt,
ohne Fragen zu stellen.

So wird Ordnung zu etwas Beruhigendem.
Nicht als Geschmack.
Sondern als Regulation.

Stimmigkeit entsteht dann nicht im Spüren,
sondern im Abgleichen.

Passt das?
Ist das richtig?
Entspricht das dem,
was man erwarten darf?

Die Ruhe kommt –
aber sie kommt nach der Handlung.

Zwei Häuser II

Im ordentlichen Haus wurde selten gestritten.
Aber oft nachjustiert.

Wenn etwas nicht passte,
wurde es angepasst.
Nicht aus Zwang –
sondern aus innerer Unruhe.

Man sagte dann:
„So fühlt es sich besser an.“

Im anderen Haus blieb manches unfertig.
Nicht aus Nachlässigkeit.
Sondern weil niemand das Bedürfnis hatte,
es zu schließen.

Von außen wirkte das manchmal wie Mangel.
Von innen wie Pause.

Manche Besucher wurden nervös.
Andere blieben länger als geplant.

Externalisierte Stimmigkeit

Externalisierte Stimmigkeit ist kein Fehler.
Sie ist ein erlerntes System.

Sie entsteht dort,
wo innere Signale
früh zu leise waren
oder zu wenig Vertrauen fanden.

Dann wird Stimmigkeit sichtbar gemacht:

  • durch Ordnung
  • durch Standards
  • durch Entscheidungen,
    die erklärbar und begründbar sind

Das fühlt sich sicher an.
Und es funktioniert –
oft erstaunlich gut.

Problematisch wird es nicht durch die Dinge selbst,
sondern durch ihre Aufgabe.

Wenn Dinge nicht mehr unterstützen,
sondern ersetzen.

Wenn Ruhe nur noch entsteht,
wenn alles stimmt.

Wenn Abweichung nicht neugierig macht,
sondern Spannung erzeugt.

Dann wird Stimmigkeit zu etwas,
das immer wieder hergestellt werden muss.

Innere Stimmigkeit

Innere Stimmigkeit funktioniert anders.

Sie ist nicht ordentlich.
Nicht eindeutig.
Nicht immer erklärbar.

Sie zeigt sich oft zuerst im Körper:

  • als Nachlassen von Spannung
  • als leises „Ja“
  • als Möglichkeit, nichts zu rechtfertigen

Sie braucht kein Bild.
Keine Geschichte.
Keinen Vergleich.

Und genau deshalb wirkt sie
für Menschen mit externalisierter Stimmigkeit
manchmal irritierend.

Nicht falsch.
Aber unklar.


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